Sein alter Brötchengeber, so berichtet er, war erfreut, ihn wiederzuhaben, allerdings kamen ihm auch sogleich Bedenken: "Wenn ich einen ,Republikflüchtling’ beschäftigte, werde ich wohl kaum noch mit dem Wagen durch die Zone fahren können." Sprach’s, schlug dem jungen Mann auf die Schulter und meinte im Stil des großen Gönners: "Na, meinetwegen, komm, wenn du in Marienfelde fertig bist." Der junge Mann kam nicht dazu, ihn um einen kleinen Vorschuß zu bitten, sein Stolz verbot es ihm. Aber Herr Flöter schob ihm hundert Mark über den Tisch und einen Gutschein, damit er sich in einem Kaufhaus am Wittenbergplatz ein paar Sachen kaufen könne, Arbeitskleidung für die neue, alte Stelle.

Die beiden Freunde aus dem Erzgebirge wirken recht hilflos – 18 Jahre der eine, der andere ist 20 Jahre und verheiratet. Mit völlig zerschlissener Kleidung sind sie dem Stacheldraht entronnen. Vor Aufregung hatten sie die Leuchtkugeln übersehen und die scharfen Schüsse überhört, die die Grenzwachen auf sie abfeuerten. Sie gestehen es offen, das "angenehmere Leben" im Westen lockte sie. So einfach, wie sie sich dieses Leben vorgestellt haben mögen, wird es freilich nicht sein. Ihre Vorstellungen, wo sie arbeiten wollen, sind vage. Irgendwo in Oberbayern lebt eine Großmutter, in Braunschweig soll die Schwester verheiratet sein – das letztemal schrieb sie zu Ostern eine Karte.

Herr Flöter drückt ihnen Geld in die Hand, schickt sie zum Frisör und ins Kaufhaus. Auch sie brauchen eine Hose zum Wechseln und Unterzeug. Aber sie brauchen im Grunde noch viel mehr: Jemand, der sich solange um sie kümmert, bis sie sich in der fremden Bundesrepublik eingelebt haben, jemand, der sie berät und zu dem sie gehen können, wenn sie das Heimweh überkommt nach den Eltern, den Freunden, der gewohnten Umgebung. Und das Heimweh kommt bestimmt. Nicht wenige – eine exakte Statistik wird darüber nicht geführt – gehen, nachdem sie ein oder zwei Jahre in der Bundesrepublik gelebt und gearbeitet haben, wieder den Weg zurück. Wie wird es den beiden Erzgebirglern ergehen? – Solange sie in Berlin sind, achtet Herr Flöter auf sie, aber wenn sie erst aus seiner Sichtweite sind und auf eigenen Beinen stehen müssen?

Neben den materiellen Sorgen, die jene haben, die im Flüchtlingslager vor der Tür von "Barbara bittet" warten, bedrückt sie noch etwas anderes. Das Gefühl, Menschen zu sein, die in der Bundesrepublik wohl oder übel geduldet werden, deren Existenz aber bei den Bundesbürgern nur eine Art schlechtes Gewissen erzeugt, das man verständlicherweise abschütteln möchte.

Der promovierte Chemiker aus Ostberlin ist zornig. "Man hat mich gewarnt, vor dem, was mich hier erwartet. Aber daß ich auf dem Sozialamt wie der letzte Fürsorgeempfänger um etwas Fahrgeld bitten muß, um mir meine zukünftige Arbeitsstelle auszusuchen und dann noch bedeutet bekomme, seine Gewährung sei eine großzügige Tat der Behörde, ist für mich schier unverständlich. Habe ich nicht auch gewisse Rechte? Was kann ich dafür, daß ich drüben geboren wurde, zur Schule ging, dort studierte und arbeitete? Bin ich nicht auch ein Deutscher?"

Sein Zorn erinnert mich an den Physiker aus Thüringen, der sich schon vor zwei Jahren den Prozeduren des Notaufnahmeverfahrens unterzogen hatte. Heute arbeitet er in einem großen Werk am Rhein. Er hat Wohnung und Fernsehen, kann Reisen machen, aber er fühlt sich immer noch als ein Fremder in der neuen Welt. Vielleicht schon allein deshalb, weil seine Arbeitskollegen nicht wissen, wo Jena, Erfurt oder Meiningen am der Karte zu finden sind.

Die kleine Wohnung eines Moabiter Hinterhauses haben sich drei Ostberliner, die jahrelang in den Zuchthäusern Mitteldeutschlands saßen, zu einem Refugium ausgebaut. Wegen politischer Delikte, die man hier als Dummejungenstreiche bezeichnen würde, sind sie verurteilt worden. Für die drei aber war es eine große Tat. Sie haben den Staat bekämpft, der auch das Angriffsziel der Berliner Rundfunkstationen war, die sie regelmäßig hörten, Für den Westen sind sie keine Helden, eine bittere Erfahrung für die drei. Bitter für sie auch, daß sie um Haftentschidigung, Krankengeld und Überbrückungshilfen kämpfen müssen. An ihrem Schicksal nimmt keiner Anteil, – keiner, der sich dafür interessiert. In ihrer Wohnung sitzen sie und grollen: "Wären wir man drüben geblieben". Sie sind plötzlich ganz dankbar, daß ihnen einer zuhört.