Professor Horst Wetterling stellte die Frage in der ZEIT Nr. 31. Inder ZEIT Nr. 33 antworteten darauf Elisabeth Mleinek, Vorsitzende des Vereins katholischer Lehrerinnen, Josef Homeyer, Schuldezernent im Generalvikariat Münster, und Eberhard Stammler, evangelischer Pastor. Ihre Antworten provozierten die folgenden Stellungnahmen.

Von Gerhard Szczesny

Der bemerkenswert mutige Artikel von Horst Wetterling und die drei inzwischen dazu veröffentlichten Stellungnahmen machen deutlich, wie verworren und verfahren die Diskussion über die Frage der sogenannten Christlichkeit der bundesdeutschen Gesellschaft und ihrer Schulen immer noch ist, obwohl die Phalanx der Verfechter einer entschieden konfessionalistischen Kultur- und Bildungspolitik sozusagen von Monat zu Monat zusammenschmilzt.

Das Hauptübel ist nach wie vor die Tatsache, daß die von Eberhard Stammler zutreffend beschriebene Neigung auch des den christlichen Lehren und Kirchen entfremdeten Teils der Bevölkerung, sich über den abhanden gekommenen Glauben durch eifrige Bekundung christlichabendländischer Gesinnung hinwegzutäuschen, von militanten Funktionären der christlichen Parteien und Verbände mißbraucht wird. Aus dem verständlichen Wunsch der Eltern, ihren Kindern eine Schule zu bieten, in der "jene geschichtlichen und religiösen Tatbestände in der ihnen angemessenen Weise beim Unterricht zur Geltung" gebracht werden (Stammler), ist unversehens die Forderung der Eltern nach einer glaubensmäßig christlichen Erziehung geworden.

Im vorliegenden Fall wird dieser Umdeutungsprozeß am augenfälligsten in dem Diskussionsbeitrag der Vorsitzenden des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen, Elisabeth Mleinek. Sie geht ausdrücklich davon aus, daß institutionell und pädagogisch nicht nur die eigentliche (evangelische oder katholische) Konfessionsschule, sondern auch die christliche Gemeinschaftsschule als "Bekenntnis"-Schule verstanden werden muß, unterschiebt also der überwiegenden Mehrheit von Eltern, die sich eindeutig gegen Bekenntnisschulen ausgesprochen hat, die Intentionen jener Minderheit, die allein eine wirklich bekenntnisgebundene Erziehung wünscht.

Der Schuldezernent im Generalvikariat Münster, Josef Homeyer, zieht sich wesentlich eleganter aus der Affäre. Er verzichtet von vornherein auf eine Erörterung der heiklen Frage, wie denn die Christlichkeit christlicher Gemeinschaftsschulen zu interpretieren sei, und steuert eilends auf das inzwischen auch im konservativ-christlichen Lager mehr und mehr Befürworter findende Projekt einer größeren Verbreitung privater Konfessionsschulen zu.

Was Eberhard Stammler zu übersehen scheint oder doch zu leicht nimmt, ist das oben erörterte Faktum, daß eine Schule, die von Staats wegen als "christlich" bezeichnet wird, den dort wirkenden Lehrer eben doch – wie die Argumentation von Elisabeth Mleinek zeigt – in die Situation bringt, als "Zeuge Christi" amtieren zu müssen.