Der Generalinspekteur der Bundeswehr und der Inspekteur der Luftwaffe – die Generäle Trettner und Panitzki – haben durch ihren Protest gegen den Bundesverteidigungsminister eine Lawine ins Rollen gebracht. Sie wird nicht nur die Karriere der beiden Inspekteure unter sich begraben, sondern – wenn ministerielle Verantwortung in unserem Staat noch mehr ist als ein leerer Wahn – auch Hassel von seinem Amtssessel reißen.

Dem Kanzler wird jetzt die Entscheidung aufgezwungen, an Hassel festzuhalten oder ihn mit einem anderen Ministerium zu betrauen. Hassel würde dabei nicht das Opfer zweier Revolteure im Generalsrang, denn über diesen Leisten ist weder Trettner noch Panitzki zu schlagen; er würde das Opfer seiner eigenen Unzulänglichkeit.

Die Fälle Trettner und Panitzki haben die Führungskrise in vollem Ausmaß sichtbar gemacht. Das Verhältnis der militärischen Spitze zur übergeordneten politischen Führung ist zutiefst gestört. Der Gegensatz zwischen Hassel und dem Chef der Luftwaffe hat sich nach einer langen, schwelenden Kontroverse wegen des Starfighters mit voller Wucht entladen. Das Versagen der Luftwaffenführung ist nicht mehr zu leugnen, aber es ist nur eine Seite der Starfighter-Tragödie mit ihren 61 Abstürzen. Das Ministerium ist der Bewältigung moderner Führungsprobleme, wie sie bei einem hochkomplizierten Waffensystem entstehen, einfach nicht gewachsen. Daraus müssen endlich Folgerungen gezogen werden, damit die Bundeswehr vor Schaden bewahrt wird.

Die Fälle Trettner und Panitzki sind nicht gleicher Art. Sie ähneln einander freilich insofern, als sie beide errengende Symptome für eine höheren Orts in der Bundeswehr um sich greifende Stimmung des Unbehagens an der politischen Führung und der Verwaltung des Verteidigungsressorts sind, Symptome einer tiefen Resignation. Trettners Abschiedsbegründung, daß er mit dem Ministererlaß nicht einverstanden sei, der den Soldaten gewerkschaftliche Betätigung erlaubt, ist nur ein Zipfelchen der vollen Wahrheit. Seine unerfüllt gebliebene Förderung nach dem Rang des Staatssekretärs vor allem war es, die sein Verhältnis zum Minister getrübt hat. Status-Probleme schossen ins Kraut. Das Zerwürfnis ist eine späte Folge der von Hassel stillschweigend hingenommenen und dadurch geförderten Entwicklung zum restaurativen Denken in der Bundeswehr. Eine ehrenvolle Trennung vom Generalinspekteur zur rechten Zeit wäre richtiger gewesen.

Das gilt auch für Panitzki. Er kam seiner Ablösung durch ein eigenes Gesuch zuvor. Sein unbotmäßiges öffentliches Auftreten gegen den Minister, seine Vorwürfe wegen der unzulänglichen Behandlung der Starfighter-Misere sind eine bisher einzigartige Mißachtung des politischen Oberbefehlshabers durch einen General. So sehr man mit Panitzki fühlen mag, weil er sich vor Monaten sein Schweigen durch Zusagen hat abkaufen lassen, die nicht eingehalten wurden – Hassels blauer Brief war unanfechtbar.

Die Probleme, die sich der Regierung und dem Parlament stellen, sind personeller und organisatorischer Art. Das Ministerium wird sich endgültig auf die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten eines Großunternehmens einzustellen haben, auf ein Management amerikanischen Modells für komplizierte Waffensysteme. Hierfür sind Offiziere und Beamte wenig geeignet. Solches Management kostet allerdings Geld, Kürzungen des Wehretats werden dadurch unmöglich. Sind aber die Mittel begrenzt, so wird die Frage nach der Gesamtstruktur und auch nach dem Umfang der Bundeswehr gestellt werden müssen.

Vor allem müssen personelle Grundsatzfragen neu durchdacht werden. Wie weit haben wir uns eigentlich von den vorwärtsweisenden Ideen, die vor zehn Jahren den Aufbau der Bundeswehr mit geprägt haben, schon wieder entfernt? Ist die "Stunde Null" wirklich genutzt worden? Wo ist der Geist der Reformer geblieben? Die Generale Kielmansegg und Baudissin haben NATO-Positionen, nur de Maizière ist Inspekteur des Heeres. Und wo sind die Leute, die mit der neuen Technik wirklich vertraut sind? General Steinhoff, der selber Düsenmaschinen fliegt, zugleich auch wegen seines strategischen Gedankenbeitrags beachtet wird, wurde bisher fern von Bonn gehalten. Er schiene berufen, die Vertrauenskrise in der Luftwaffe zu überwinden.