Paris, im August

Dschibuti, der französische Hafen am Roten Meer, ist die erste Etappe der bisher weitesten Reise des französischen Staatspräsidenten. Sie führt ihn über Addis Abeba nach Pnom Penh und Angkor in Kambodscha, wo er Politik und Kulturtourismus verbindet, und dann weiter zu verschiedenen französischen Besitzungen im Pazifik. Anfang September wird de Gaulle, sofern die meteorologischen Verhältnisse günstig sind, von einem französischen Kreuzer aus einen Atomversuch verfolgen. Am darauffolgenden Tag will er den amerikanischen Kontinent überfliegen und in Guadeloupe die letzte Station seiner Weltreise erreichen (siehe Karte Seite 8). Wenn er zurückgekehrt ist, hat seine Reise zumindest die Tatsache demonstriert, daß noch heute die Sonne über der Trikolore nicht untergeht.

Politisches Kernstück dieser Reise ist ohne Frage Kambodscha. Der Empfang in Pnom Penh wird zeigen, daß Frankreich in den Gebieten des ehemaligen Indochina auch heute noch – oder: heute wieder – ein solides Kapital an Sympathien besitzt. Kambodscha bildet sozusagen eine Tribüne, von der aus General de Gaulle seine Grundsätze für eine Friedensregelung in Indochina verkünden kann. Eine große Kundgebung im Stadion der Hauptstadt soll dafür den Rahmen bilden.

Es kann nicht wunder nehmen, daß die amerikanische Öffentlichkeit nicht ohne Nervosität auf diesen Teil der Reise blickt. Indochina, wo Frankreich 1945 seine kolonialen Traditionen wieder anknüpfen wollte und wo es 1954 mit der Liquidation seines Kolonialreiches begann, ist heute für Frankreich ein Stück bewältigter Vergangenheit. Aber für die französisch-amerikanischen Beziehungen liegt hier ein Trauma. Heute noch sitzen im französischen Verteidigungsministerium viele Offiziere, die sich erinnern, wie sie 1954 gehofft hatten, die Flugzeuge der siebten amerikanischen Flotte würden den Ring um die eingeschlossene Besatzung von Dien Bien Phu zerschlagen und Frankreich die Niederlage ersparen. Die damalige französische Regierung Laniel–Bidault glaubte bereits, die lang umkämpfte Zusage Eisenhowers zu haben. Aber in einem nächtlichen Telephongespräch mit dem Weißen Haus stimmte Churchill den amerikanischen Präsidenten wieder um. Diese Erinnerung beeinflußt das französische Urteil über die amerikanischen Bombenangriffe, die heute gegen Hanoi geflogen werden.

Frankreichs Verhältnis zu Indochina war in den Jahren 1946 bis 1954 immer zwiespältig. Die Frage, ob man auf das richtige Pferd gesetzt habe, indem man sich für Bao Dai statt für Ho Tschi Minh entschied, hat die französische Innenpolitik jahrelang beschäftigt. Dann entstand die Frage, ob man auch mit Bao Dai gegen Ho Tschi Minh gewinnen könne, wenn nur die amerikani- – sche Unterstützung größer wäre. Heute herrscht die Überzeugung, daß man von Anfang an mit Ho Tschi Minh besser gefahren wäre, der viele Voraussetzungen mitbrachte, um ein Tito in Ostasien zu werden. Er konnte das nicht werden, weil er zunächst durch Paris, dann durch Washington in die Abhängigkeit von Moskau und Peking gedrängt wurde.

Französische Betrachter freilich geben heute die Hauptschuld an der verfahrenen Situation in Indochina doch Washington. General de Gaulle wird, wenn er von Pnom Penh aus zu den Massen Asiens spricht, das Losungswort "Nichteinmischung" verkünden. Er selbst ist von der französischen Vergangenheit in Indochina so weit entlastet, daß ihm dies sowohl in Pnom Penh als auch in der laotischen Hauptstadt Vientiane und in Hanoi geglaubt oder wieder geglaubt wird. Ob er, wie es schon gerüchteweise in Paris verlautete, von den Amerikanern in aller Form die Anerkennung des Vietcong als Verhandlungspartner und die Zusage einer Räumung Vietnams nach einem Friedensschluß verlangen wird – das ist noch ungewiß. Aber er denkt an beides, wenn er den Grundsatz der Nichteinmischung für jede friedliche Regelung des Zusammenlebens der Völker proklamiert.

Der französische Präsident weiß auch, daß es zu mehr als zur Verkündung politischer Grundsätze im Augenblick nicht reicht. Mit der Zeit, so meint er, werden diese Grundsätze den Weg in die Gehirne der Kriegführenden finden müssen. Dann mag auch eine diplomatische Vermittlungsaktion möglich sein. De Gaulle weiß, daß Washington ihn heute in der Rolle des Vermittlers nicht sehen will und daß man ihm auch in Hanoi und Peking für eine solche Aktion nichts in die Hand gibt. Der General hat vor einigen Monaten seinen besten Vietnam-Kenner, einen früheren Vertreter Frankreichs bei Ho Tschi Minh, Sainteny, nach Hanoi geschickt. Das Ergebnis der Mission war ein Handschreiben Ho Tschi Minhs an de Gaulle – nicht mehr. So entstand der Eindruck, daß die Zeit für neue politische Entwicklungen noch nicht gekommen sei. Als Sainteny zurückkam, sagte man in Regierungskreisen, der Schlüssel für eine Lösung in Vietnam liege in Washington. Das heißt: die ersten Schritte müssen von den Amerikanern getan werden. Aber auch in Paris meint man natürlich nicht, die Amerikaner müßten Vietnam sogleich verlassen – um den Weg für einen Verhandlungsfrieden freizumachen, für den es dann keiner Verhandlungen mehr bedürfte. Ernst Weisenfeld