Der August hat einen interessanten Akzent auf die deprimierende Entwicklung der Aktienbörse in den letzten Monaten gesetzt. Am 5. August wurde ein neuer Jahrestiefststand erreicht, der um 24 Prozent unter dem Jahreshöchstindex von 1966 lag. Dann trat überraschend innerhalb weniger Tage eine Kurserholung ein. Einzelne Werte erlebten Steigerungen bis zu 10 Prozent. Anschließend stabilisierte sich die Börse auf etwas niedrigerem Niveau, doch scheint die Tendenz jetzt eher nach oben als nach unten gerichtet zu sein. Nachrichten über die gewachsene Liquidität des Geldmarktes, die Aussichten auf eine Annahme des Stabilisierungsgesetzes und die erneute Bestätigung der Bundesbank, sie werde bei dessen Annahme ihre Restriktionspolitik überprüfen, hatten ein breiteres Publikum zum Aktienkauf angeregt. Dabei bestätigte sich, daß eine breitere Nachfrage entsprechendes Angebot nur zu erheblich höheren Kursen findet.

Im Licht der Kennzifferanalyse stellt sich die Entwicklung der Börse seit dem letzten Bericht im Mai als eine Ermäßigung der Durchschnitts-Preis-Gewinn-Rate, berechnet nach den letzten vorliegenden Geschäftsberichten, von etwa 12 auf etwa 10 dar. Für das laufende Geschäftsjahr cürfte sich eine zum Teil beachtliche Gewinnminderung ergeben. Unterstellt man hier einen durchschnittlichen Rückgang zwischen 5 und 10 Prozent, so würde sich die erwähnte Gewinnrate auf 11 erhöhen. Für Rentenwerte liegt diese Kennziffer gegenwärtig zwischen 12 und 13. Noch preiswerter erscheint das Kursniveau, wenn man, wie in unserer Tabelle versucht wird, die günstigeren Aspekte 1967/68 in die Überlegungen einbezieht. Es dürfte sich dann eine Durchschnittsrate von unter 10 errechnen.

Aus diesen für den Käufer günstigen Durchschnittswerten darf aber nicht gefolgert werden, eine Kurserholung werde gleichmäßig in breiter Front erfolgen. In der erwähnten "Kurzhausse" differierten die Kurssteigerungen zwischen 10 bis 12 Prozent bei Banken-, Chemie- und Elektrowerten und zum Beispiel 4 bis 5 Prozent bei Fahrzeug- und Maschinenwerten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß eine langfristige Erholung ähnlich unterschiedlich verlaufen würde.

Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt unsere Tabelle und berücksichtigt hierbei die typischen "Kennziffer-Differenzen", die auf Grund von Branchenrisiko und Börsengängigkeit bestehen, ergeben sich interessante Unterschiede. So erscheinen die Elektrowerte, und hier insbesondere Siemens mit Preis-Gewinn-Rate 9, sehr günstig. Aber auch die Werte der Großchemie und Kaufhäuser mit Raten zwischen 12 und 13 sind interessant. Bei den Spitzenwerten dieser Branchen sind Preis-Gewinn-Raten von 16 bis 13 normal. Dem würde bei Siemens ein Kurs van 640, bei Farben Bayer von 370 entsprechen. Bemerkenswert billig sind auch die Großbanken. Berücksichtigt man die anteiligen, in den Beteiligungen stehengebliebenen Gewinne, liegen ihre Preis-Gewinn-Raten bei 8 bis 9. Normal wären hier Raten von 12 bis 14, also zum Beispiel für die Deutsche Bank ein Kurs von etwa 530.

Etwas teurer, aber auch mit einer interessanten Steigerungsmöglichkeit auf 12 bis 14, erscheinen die Kaliwerte, und hier vor allem Wintershall. Etwas länger dürfte die angenommene Ertragssteigerung bei den Maschinenwerten auf sich warten lassen, doch lagen MAN und GHH bisher so gut im Rennen, daß sie mit Raten von 7 bis 8 reizvoll sind.

VW mit Preis-Gewinn-Rate 6 ist nach wie vor interessant, auch wenn man das besondere Branchenrisiko berücksichtigt. Dagegen dürften die Montane, abgesehen von Thyssen, gemessen an ihrer zukünftigen Ertragskraft, im Vergleich zu den anderen Werten teuer sein,

Den Versorgungswerten hätte man früher eine Steigerung auf eine Rate von 12 bis 14 zugetraut. Heute wird man deren Bindung an die Kommunen mit ihren politischen und wirtschaftlichen Wirkungen als Belastung empfinden,

Deutsche Erdöl und NSU sind in der Tabelle nicht mehr enthalten, weil ihre Kursentwicklung unabhängig von der Ertragskraft verläuft. Dafür sind einige "Spezialitäten" aufgeführt, von denen die Börse zur Zeit spricht. Ihnen sind Raten von 2 bis 3 Punkte über dem derzeitigen Niveau zuzutrauen. L. B. Kulsow