Rudolf Platte spielte, "Weiß gibt auf" hieß das Fernsehstück von Frederic Raphael, einen einsamen kleinen Apothekergehilfen, der als Kronzeuge einem schweren Jungen den Weg zum Galgen erspart und dafür von dem des Mords Bezichtigten (Jenks sein Name, Lowitz, diesmal auf der Kriminellenseite placiert, agierte vortrefflich) in brutaler Weise belohnt wird.

Platte als Philip – das war die Inkarnation duldsamer Sanftmut in den fünfziger Jahren: traurig und resignierend, aber nicht ohne Würde, säuerlich, doch mit einem Anflug von Charme, entrechtet, getreten, verprügelt, aber menschlich, ein Jämmerling und auch ein Held, sehr still, sehr akkurat, sehr geduldig.

Kärgliche Andeutungen reichten für Rudolf Platte aus (dieser Mann ißt Diätbrot, er spielt Briefschach mit einem australischen Partner und besucht an freien Tagen die Gegend, in der er seine Kindheit verbrachte), um eine gleichnishafte Figur zu entwerfen. Wenn er über seine Weste strich, hieß das: ich bin arm, ich muß auf mich halten, ich will nicht verkommen, wenn er den Sommermantel auf den Bügel hängte, bedeutete das: ich habe nur den einen, aber den halte ich gut, und wenn er sich sein Abendbrot machte, so tat er es, routiniert und liebevoll, in einer Art, die dem Zuschauer zeigte: er macht es jeden Tag, er versteht es, aber er verbrennt sich trotzdem noch immer die Finger am Ei, er ist weltfremd, dieser klägliche Zweizimmerkönig, aber er nimmt den Kampf Abend für Abend wieder auf.

Und dann die Szene vor Gericht: wie Platte da saß, kläglich und gewichtig zugleich auf seinem Stuhl wippend, die Hände auf den Knien, ein Musterschüler, der mit dem Angeklagten Lowitz (der saß breitärschig da) handelseins zu werden versuchte, wie er dann aufstand und mit leiser Beichtstuhl-Stimme erklärte ich trinke manchmal ein Glas Bier, wie er das sagte mit seinem magenkranken Gesicht, der Ulcuskerbe um den Mund, wie er das gestand, dieser hyperacide Apothekergehilfe, ein gescheiterter Mann, und wie er dann in zwei, drei Sätzen, ich bin dort aufgewachsen, ein Lokal in seiner Kindheimat beschrieb, bunte Glühbirnen, Vögel und die Boote auf dem Fluß ... da wurde der Wicht plötzlich ein Held, da war Tragik im Spiel, da zeichnete ein großer Schauspieler das Porträt eines Menschen, dessen einziges Kapital die Summe seiner Verzichte ist, da wurde in wichtigen Gesten das Elendslos des guten Menschen beredt.

Mit einer einzigen Bewegung ein Temperament zu charakterisieren, in Sekundenschnelle einen Lebensroman zu erzählen, durch Gleichnis-Aktionen eine Welt entstehen zu lassen – Rudolf Platte gelang es. In einem Lehrfilm für junge Schauspieler würde seine Abendessenzubereitung gleichrangig neben dem von Emil Jannings zelebrierten Kaffeetrinken im "Blauen Engel" stehen. Und das ist sehr viel. Momos