Von Wolfram Pohl

Westberliner Arbeiter hißten schwarze Fahnen und inszenierten einen einstündigen Warnstreik. Die Zeitungen der DDR witterten Morgenluft und schürten den Streit. Ein Vorstandsmitglied der bundeseigenen Borsig AG in Berlin-Tegel trat gegen Pläne seines mittelbaren Brotherrn, Bundesschatzminister Werner Dollinger, in den Ring. Das ist die Begleitmusik zu einer kleinen "industriellen Revolution", die in Berlin sieben mehr oder weniger schwache Unternehmen des Maschinenbaus unter einem gemeinsamen Dach vereinen soll.

Nicht einmal die geliebte Pfeife vermochte Borsig-Vorstandssprecher Rudolf Lübcke über den Tort hinwegzutrösten, den ihm seiner Meinung nach das Bundesschatzministerium angetan hat. Was in Bonn ausgebrütet worden ist, findet nicht seinen Beifall. Es erbost ihn, daß er erst aus der Zeitung davon erfahren hat – und er hält für falsch, was jetzt geschehen soll. Sein Urteil: "Hier ist eine Reihe von Firmen zusammengestellt worden, die nicht zusammengehören."

In einer Betriebsversammlung schilderte Lübcke den Arbeitern und Angestellten der Borsig AG die Zukunft des traditionsreichen Werkes in düsteren Farben. Der Mann, der nach dem Kriege das aus dem Erbe der Rheinmetall-Borsig AG in Berlin stammende und schließlich in Bundesbesitz übernommene Werk gegen die Widerstände der Besatzungsmächte wieder aufgebaut hatte, wußte die Belegschaft auf seiner Seite. Eine Eingliederung in den neuen Bundeskonzern Deutsche Industrieanlagen GmbH bedeutete nach seiner Auffassung das Ende der Borsig-Tradition.

Der neue Konzern wird Maschinen und Industrieanlagen bauen. Das hat Borsig nie getan. Mit Umstellungen im Produktionsprogramm muß deshalb gerechnet werden. Wo 1840 von August Borsig die erste Dampflokomotive gebaut worden ist, werden in Zukunft möglicherweise keine Dampfkessel mehr hergestellt werden, vielleicht wird das Stahlwerk, das einzige Berlins, stillgelegt, ebenso das Walzwerk, wahrscheinlich auch die Rohrzieherei.

Der Betriebsrat hat seinen Vorstandssprecher so verstanden, wie es gemeint war. Prompt wurde eine Resolution gefaßt, nach Bonn an den Bundesschatzminister gesandt, und zum Nachdruck ein einstündiger Warnstreik in Szene gesetzt. "Arbeiter und Angestellte haben die Borsig-Werke nach dem Kriege unter dem Einsatz ihrer persönlichen Freiheit und ihrer Notgroschen nicht deshalb wiederaufgebaut, um jetzt tatenlos zuzusehen, wie durch den geplanten Zusammenschluß die erfolgreiche Aufbauarbeit zunichte gemacht und die Sicherheit der Arbeitsplätze gefährdet wird", heißt es in der Resolution. "Die Betriebsversammlung bittet die Bundesregierung, die geplanten Maßnahmen sofort rückgängig zu machen und andere für das Werk und Berlin gesunde und auch mögliche Lösungen zu finden."

Die Borsigleute, die auf so dramatische Weise ihrem Schicksal trotzten, fanden Unterstützung bei dem zweiten Bundesunternehmen aus dem Salzgitter-Konzern, das teilweise in die neue Maschinengruppe eingefügt werden soll, den Deutschen Industrie-Werken in Berlin-Spandau. Schwarze Fahnen wehten plötzlich über den Fabrikdächern. Hier war die Besorgnis um den Arbeitsplatz schon deutlicher, denn die Deutschen Industrie-Werke werden in der alten Form nicht bestehen bleiben. Die Binnenschiffswerft wird von den Kieler Howaldtswerken aufgenommen, einige Betriebsteile werden dem Borsigkomplex zugeschlagen, der Rest wird stillgelegt. Tagelang herrschte Unruhe in den Werkhallen. Der Arbeitsfluß geriet ins Stocken.