Julius Mader/Gerhard Stuchlik/Horst Pehnert: Dr. Sorge funkt aus Tokyo. Ein Dokumentarbericht über Kundschafter des Friedens. Deutscher Militärverlag, Berlin (Ost), 459 Seiten, 11,80 DM

Der schon nicht mehr spärlichen westlichen Literatur über Richard Sorge gesellen sich nun vermehrt auch Darstellungen aus dem kommunistischen Bereich zu. Der vorliegende Dokumentarbericht, von drei DDR-Journalisten verfaßt, kann dem bisher bekannten Sorge-Bild nichts wesentlich Neues hinzufügen. Jedoch hatten die Verfasser Gelegenheit, Personen zu befragen, die Sorge in verschiedenen Lebensabschnitten oder während seines Aufenthaltes in Japan gekannt hatten und heute in kommunistischen Staaten leben. Hier ist besonders Max Christiansen-Clausen zu erwähnen, der Sorge in Tokio lange Zeit als Funker diente. Dadurch gewinnt der Bericht an persönlichem Kolorit, an Einzelheiten, die jedoch nicht immer dazu verwandt werden, noch dunkle Stellen aufzuklären.

Für die Verfasser ist Sorge ein kommunistischer "Supermann", stets der großen Ideale des Marxismus-Leninismus und seiner hohen "Friedensmission" bewußt, ohne die geringste menschliche Schwäche. Auch politisch versuchen die Verfasser jede Handlung Sorges zu rechtfertigen. Sie wirken allerdings nicht ganz glaubhaft, wenn sie darlegen, Sorge habe von den Wirkungen des "Personenkultes" in der Sowjetunion nichts wissen können. Bei Sorges Informationsquellen und seinem sonst so sehr gelobten politischen Verständnis ist das äußerst unwahrscheinlich.

Mühe bereitet es den Verfassern auch, auf der einen Seite die große Leistung Sorges und ihre Wirkungen auf das Schicksal der Sowjetunion zu schildern, andererseits aber nicht gegen die kommunistische Auffassung von der "Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte" zu verstoßen. Die Verfasser polemisieren dagegen, daß Sorge in der westlichen Welt als Spion bezeichnet wird; er sei kein Spion, sondern ein "Kundschafter" gewesen. Der Unterschied – soweit er erkennbar wird – scheint darin zu bestehen, daß westliche "Spione" aggressiven Zielen, kommunistische "Kundschafter" dagegen dem Frieden dienen.

Interessante Einzelheiten enthält das Kapitel über Sorges Arbeitsweise; die Wege, auf denen er Informationen beschaffte, wie er sie sichtete, prüfte und analysierte. Erwähnenswert ist auch die Sorge-Bibliographie und eine Auswahl von Artikeln für die "Zeitschrift für Geopolitik" und den "Deutschen Volkswirt", die im Anhang abgedruckt sind. In der Darstellung fehlen alle Angaben darüber, wie es schließlich zur Festnahme Sorges und seiner Mitarbeiter kam. Entfernte man das ideologische Beiwerk und die politische Polemik, so bliebe – mit einigen Lücken – das, was die Verfasser eigentlich schreiben wollten, ein Dokumentarbericht. Hans Kluth