Von Willi Sehaeffer

Als sich zu Beginn der letzten Juliwoche in England das Turnier um die Fußballweltmeisterschaft mit den Spielen der Zwischenrunde seinem Höhepunkt näherte, wurde in Ostberlin das Startzeichen zu einer anderen sportlichen Großveranstaltung gegeben, die zumindest in Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als sie tatsächlich gefunden hat. Vom 24. bis zum 31. Juli hatten der Deutsche Turn- und Sportbund und die Freie Deutsche Jugend, unterstützt von den übrigen Massenorganisationen des SED-Regimes, rund dreizehntausend Sportler im Kindes- und Jugendalter in die Hauptstadt gebracht, damit sie dort auf fünfzig Sportanlagen gleichzeitig eine Woche lang an der ersten Kinder- und Jugendspartakiade teilnähmen.

Die martialische Bezeichnung ist vom Namen des entlaufenen römischen Sklaven Spartakus abgeleitet, der sieben Jahrzehnte vor Christi Geburt ein Sklavenheer um sich sammelte, das erst nach dreijährigen grausamen Kämpfen den römischen Legionen unterlag. Sechstausend der gefangenen Sklaven ließ der siegreiche römische Feldherr damals an die Kreuze schlagen, von denen die Via Appia meilenweit gesäumt war.

Die dreizehntausend Kinder- und Jugendsportler haben mit dem aufrührerischen, römischen Sklaven – nach dem die Kommunisten seit jeher ihre Anti-Olympiaden benennen – aber herzlich wenig gemeinsam. Hier war kein zügelloser Aufstand, sondern planmäßige und wohlorganisierte Auslese am Werk. Den Beschluß, die sporttreibende Jugend Mitteldeutschlands vom Kindesalter bis an die Schwelle des Hochleistungssports zu einem "republik-weiten" Leistungswettbewerb aufzubieten, hatten die Sportpolitiker des SED-Regimes vor gut zwei Jahren gefaßt.

Die Vorbereitungszeit war ausgefüllt mit Auswahlkämpfen in allen mitteldeutschen Großstädten, Bezirken und Kreisen. Die Dreizehntausend, die schließlich an der Spartakiade in Ostberlin teilnahmen, stellten die Auslese aus fast zwei Millionen Kindern und Jugendlichen dar, die sich den Auswahlkämpfen unterzogen hatten. Auf diese organisatorische Gesamtleistung dürfen die Veranstalter unstreitig mit Genugtuung zurückblicken – wenn auch die publizistische Aufbauschung der Kinderspartakiade zu einer "Olympiade im Quadrat" in der Regimepresse ebenso die Maßstäbe vermissen läßt wie die Namensgebung den guten Geschmack.

Die 12- bis 18jährigen, die da aus den Bezirken zwischen Ostsee und Erzgebirge nach Berlin gekommen waren, um in 23 verschiedenen sportlichen Disziplinen, vom Hürdenlauf bis zum Stabhochsprung, vom Boxen und Gewichtheben bis zum Schwimmen in allen Lagen, vom Kleinkaliberschießen bis zum Rollschuhschnellauf ihre Kräfte miteinander zu messen, konnten sich wahrhaftig sehen lassen. Sie trieben ihren Sport mit Begeisterung und außerdem nach allen Regeln der Kunst. 1500 Trainer standen ihnen zur Seite, und ebenso viele Kampf- und Schiedsrichter überwachten die pünktliche und ordnungsgemäße Durchführung jedes einzelnen Wettbewerbs. In Fällen von Verletzung oder Überanstrengung standen Ärzte und Sanitäter in ausreichender Zahl zum Eingreifen bereit. Für gute Quartiere und regelmäßige Verpflegung war rechtzeitig vorgesorgt worden. An- und Abmarsch von und zu den Sportstätten klappten auf die Minute. Die Jungen und Mädchen mußten schon am ersten Tage der "Spartakiade" das Gefühl bekommen, daß diese Veranstaltung für sie ebenso sorgfältig vorbereitet worden war wie eine Landesmeisterschaft oder ein internationales Meeting für die Großen.

Dementsprechend waren ihre Leistungen. Die Kampfrichter registrierten in den verschiedensten Sportarten, unterschieden nach männlichen oder weiblichen Teilnehmern und nach Altersklassen, insgesamt 116 Kinder- und Jugendrekorde. In aller Munde waren am Schluß die Namen der 15 jährigen Barbara Wieck aus Rostock, die den 800-Meter-Lauf der Mädchen mit einer olympiareifen Leistung bewältigt hatte, des 12jährigen Volker Werner aus Leipzig, der in fünf Schwimmwettbewerben seiner Altersklasse jeweils den ersten Platz belegte, und des noch nicht 18 jährigen Ulrich Obenauf aus Chemnitz, der die bisherige Bestleistung für Jugendliche im 3000-Meter-Lauf um 10,2 Sekunden unterbot.