Von Gérard Sandoz

Elf französische Journalisten reisten auf Einladung des Ostberliner Informationsministeriums zehn Tage lang durch die DDR. Sie sprachen in Eisenhüttenstadt mit Arbeitern, in Dresden mit Kunststudenten, in Warnemünde mit Urlaubern. In Berlin erfuhren sie, daß Kafkas Werke wegen Papiermangel nicht zu haben sind, in Kleinmachnow, daß Frau Havemann sich scheiden ließ. Gérard Sandoz, Deutsch-Jand-Redakteur der linksgerichteten Pariser Wochenzeitschrift "Le Nouvel Observateur", schrieb für die ZEIT den folgenden Bericht über die Zehntagestour.

12. Juli

Spaziergang durch die Karl-Marx-Allee (früher Stalinallee). Gespräch mit Verkäuferin in der großen Marx-Buchhandlung. Ein Franzose: "Ich hätte gern ein Buch von Kafka." Antwort: "Kenne ich nicht, gehen Sie zu dem Herrn da auf der anderen Seite." Wir gehen quer durch den Laden. Der Herr kennt Kafka, zieht die Stirn in Falten, erkundigt sich nach unserer Nationalität.

Dann: "Wir hatten den ‚Prozeß‘ im Februar, aber nicht in genügender Menge. Seitdem haben wir das Buch nicht mehr bekommen. Wissen Sie, der Papiermangel ist bei uns sehr groß." Auch Sigmund Freud ist Opfer dieser Mangelware: "Freud haben wir nicht."

13. Juli

Rundfahrt durch Ostberlin. Angesichts der Mauer sagt unser Begleiter, ein SED-Funktionär: "Wir sind stolz, wie schnell wir diese Mauer gebaut haben. Aber wir werden auch stolz sein, wenn wir sie ebenso schnell wieder abbauen können."