Die Angriffe auf Präsident Johnson wegen seiner Vietnam-Politik werden immer heftiger. Vor allem auf der Linken – aber auch auf der Rechten. Vor allem in Amerika – aber auch in Europa. Das Thema ist so befrachtet mit Emotionen, daß beide Seiten es als Verrat empfinden, wenn man versucht, kühl und rational zu analysieren, anstatt mit heißem Herzen Stellung zu beziehen.

Am Vietnam-Krieg scheiden sich die Geister. Die einen halten jeden für reaktionär, der diesen Krieg nicht a priori als ein verbrecherisches Beginnen verurteilt; die anderen halten jene für illusionäre "Spinner", die sich mit humanitären Gesichtspunkten aufhalten, anstatt, wie es heißt, die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen.

Auch für die Chinesen ist Vietnam ein Testfall. Ein Testfall für die neue Art von Kriegführung, wie Marschall Lin Piao, der nunmehr so sichtbar von Mao zum Lieblingsjünger und Nachfolger erkorene Verteidigungsminister, in seinem richtungweisenden Aufsatz im September vorigen Jahres feststellte. In diesem Aufsatz, der als das offizielle chinesische Programm des revolutionären Krieges im Weltmaßstab betrachtet wird, sagte er, die USA hätten Südvietnam zum Versuchsfeld für die Unterdrückung von Volkskriegen gemacht. Und er prophezeite: Je höher die Amerikaner die Eskalation treiben, desto tiefer werden sie fallen, desto vollständiger wird ihre Niederlage sein. Woraus er dann die Schlußfolgerung für den Testfall zieht: "Die Völker in anderen Teilen der Welt werden dann noch deutlicher sehen, daß der US-Imperialismus geschlagen werden kann und daß das, was das vietnamesische Volk kann, sie auch können."

Volkskriege unterdrücken zu wollen, ist in den Augen der chinesischen Führer eine Sünde wider den Heiligen Geist der Revolution. Der schwerste Vorwurf, den Maos präsumtiver Nachfolger erhebt, lautet, die Amerikaner wollten auf jede nur erdenkliche Weise versuchen, die revolutionäre Flamme des Volkskrieges auszulöschen. Und empört heißt es weiter: "Die Chruschtschow-Revisionisten helfen dabei mit. Die beiden konspirieren zusammen, um Volkskriege zu verhindern und zu sabotieren." Und das ist natürlich für jemand, der es, wie Lin Piao, für das wichtigste hält, "jeden zum Soldaten zu machen und Bürgerkriege zu führen", unverzeihlich.

Auch die liberalen Zeitungen Englands, der Observer, der Economist, der Guardian, kommentieren die Herausstellung gerade Lin Piaos als Nachfolger Maos voller Sorge. Längst mußte man befürchten, daß die gigantische Mobilisierung aller Emotionen, die seit Monaten in China betrieben wird – die größte Massenveranstaltung hat jetzt eine Million Menschen zusammengebracht und sieben Stunden gedauert – nur die Radikalisierung fördern werde.

Die gleiche Wirkung hat auch die jedes herkömmliche Vorstellungsvermögen übersteigende Säuberungsaktion, die in großen Wellen über das ganze Land läuft. Nicht ein paar Dutzend oder ein paar Hundert gefährliche Rivalen oder Abweichler werden ausgemerzt, es sind mittlerweile viele Tausende. Entfernt wird jeder, der Leistung, Vernunft und Können höher bewertet als das richtige politische Bewußtsein. Und das richtige politische Bewußtsein ist das, was Mao lehrt und was Lin Piao so einprägsam formulierte.

Vor ein paar Tagen fragte die "Pekinger Volkszeitung" zögernd und ein wenig besorgt, ob man nicht bei Wissenschaftlern gelegentlich ein Auge zudrücken müsse, weil China sonst womöglich in der Forschung ins Hintertreffen geraten werde. Tags darauf antwortete die Armee-Zeitung: Nein und abermals nein, keine Gnade für die Wissenschaftler. Mit anderen Worten: Alle an führender Stelle Stehenden, die normal denken, arbeiten und urteilen, werden entfernt – übrig bleiben die Radikalen.