Theorien machen Politik

Von Giselher Schmidt

Jean-Jacques Chevallier: Denker, Planer, Utopisten – Die großen politischen Ideen. Geleitwort von Professor Thomas Ellwein. Aus dem Französischen von Klaus Peter Wallraven. Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main. 427 Seiten, 25,– DM

Oft schon beschäftigte die erlesensten Geister die Frage, ob die Denker oder die Täter stärker die Weltgeschichte beeinflussen. Heinrich Heine schrieb einmal: "Dies merkt euch, ihr stolzen Männer der Tat. Ihr seid nichts als unbewußte Handlanger der Gedankenmänner, die oft in demütigster Stille euch all euer Tun aufs bestimmteste vorgezeichnet haben."

Heinrich von Treitschke, der Historiker und Verkünder des Machtstaatgedankens, vertrat hingegen des öfteren die entschieden entgegengesetzte These, und er begann seine Vorlesungen über "Politik" mit dem Satz: "Alle Politik ist Kunst."

Mehr mit Treitschke hält es Rainer Barzel, der im Februar dieses Jahres die Leser des "Rheinischen Merkurs" mit dem Satz vertraut machte. "Politik ist Kunst..." Mehr mit Heine konform geht die heutige Politologie. Sie läßt es sich angelegen sein, den starken Einfluß politischer Theorien auf das Weltbild und das Handeln von Politikern nachzuweisen.

Leider fehlte es an geeigneter deutschsprachiger Literatur. Neben wenigen brauchbaren Sammlungen von kommentierten Theoretiker-Experten gab es nur populärwissenschaftliche Darstellungen. Die Lücke wird teilweise geschlossen, nachdem das Werk "Les grandes Oeuvres politiques de Machiavelli à nos jours" des französischen Politologie-Professors Jean-Jacques Chevallier von Klaus Peter Wallraven und Ulla Leippe ins Deutsche übersetzt worden ist. Chevallier, der nach dem letzten Krieg der science politique starke Impulse gegeben hat, stellt dem Leser insbesondere folgende Theoretiker vor:

Machiavelli, Bodin, Hobbes und Bossuet, die "im Dienste des Absolutismus" standen; Locke, Montesquieu, Rousseau und und Sieyès, die den "Angriff auf den Absolutismus" wagten; als "Folgen der Revolution" Burke, Fichte und A. de Tocqueville; und unter der Rubrik "Sozialismus und Nationalismus" Marx, Engels, Maurras, Sorel, Lenin und – Hitler. Ja, wenn Chevallier "Mein Kampf" darlegt, so mutet dies an wie die Wiedergabe von verstimmter Leierkastenmusik in Strawinskys "Petruschka". Versöhnt wird der Leser, wenn das Schlußkapitel "Geist und Leviathan" einen ausgezeichneten Überblick über das Schaffen von französischsprachigen Denkern dieses Jahrhunderts, von Henrik de Man, Maritain, Alain und Bertrand de Jouvenal bietet.

Theorien machen Politik

Für Studenten der Politologie ist insbesondere das Nachwort von André Siegfried, in dem ein Seminarplan für politische Literatur aufgestellt wurde, bemerkenswert. Chevallier zeichnet in den einzelnen Kapiteln zunächst die historische und biographische Kulisse hinter der Entstehung eines Werkes, und dann stellt er das Werk selbst und seine Wirkung auf Zeitgenossen und spätere. Generationen dar. Chevallier wahrt stets Objektivität; zugleich widerlegt er aber das Vorurteil, daß wissenschaftliche Akribie und anschaulichlebhafter Stil unvereinbar miteinander seien. Er versteht, wie es Nietzsche von Machiavelli sagte, "auch die ernstesten Angelegenheiten in einem unbändigen Allegrissimo vorzutragen".

Gewiß kann gegen das vorliegende Werk eingewandt werden (ähnliche Anmerkungen macht auch Professor Ellwein in seiner Einführung), daß viele Denker gar nicht oder nur kurz erwähnt worden sind. Edmund Burke wird ziemlich einseitig als der antirationalistische Kritiker der Französischen Revolution dargestellt und leider nicht als der Mann, der in der "Rede an die Wähler von Bristol" die Lehre vom freien Mandat verkündete, wie sie im Artikel 38 des Bonner Grundgesetzes ihren Niederschlag gefunden hat, und der in den "Gedanken über die Ursachen der gegenwärtigen Unzufriedenheit" eine heute noch gültige Theorie von politischen Parteien entwickelte. Von Fichte hätte neben seinen "Reden an die deutsche Nation" auch "Der geschlossene Handelsstaat" Beachtung verdient: Bei Rousseaus "contrat social" hätte Chevallier noch schärfer die Spannung und die partielle Gegensätzlichkeit, die zwischen der Verwerfung der Gewaltenteilungslehre als Souveränitätsprinzip im zweiten Buch und ihrer Bejahung als Herrschaftsmethode im dritten Buch bestehen, herausarbeiten können.

Trotz allem muß die deutsche Übersetzung von Chevalliers Werk aufs lebhafteste begrüßt werden: als die Säule eines Tempels, der noch unvollendet ist.