Für Studenten der Politologie ist insbesondere das Nachwort von André Siegfried, in dem ein Seminarplan für politische Literatur aufgestellt wurde, bemerkenswert. Chevallier zeichnet in den einzelnen Kapiteln zunächst die historische und biographische Kulisse hinter der Entstehung eines Werkes, und dann stellt er das Werk selbst und seine Wirkung auf Zeitgenossen und spätere. Generationen dar. Chevallier wahrt stets Objektivität; zugleich widerlegt er aber das Vorurteil, daß wissenschaftliche Akribie und anschaulichlebhafter Stil unvereinbar miteinander seien. Er versteht, wie es Nietzsche von Machiavelli sagte, "auch die ernstesten Angelegenheiten in einem unbändigen Allegrissimo vorzutragen".

Gewiß kann gegen das vorliegende Werk eingewandt werden (ähnliche Anmerkungen macht auch Professor Ellwein in seiner Einführung), daß viele Denker gar nicht oder nur kurz erwähnt worden sind. Edmund Burke wird ziemlich einseitig als der antirationalistische Kritiker der Französischen Revolution dargestellt und leider nicht als der Mann, der in der "Rede an die Wähler von Bristol" die Lehre vom freien Mandat verkündete, wie sie im Artikel 38 des Bonner Grundgesetzes ihren Niederschlag gefunden hat, und der in den "Gedanken über die Ursachen der gegenwärtigen Unzufriedenheit" eine heute noch gültige Theorie von politischen Parteien entwickelte. Von Fichte hätte neben seinen "Reden an die deutsche Nation" auch "Der geschlossene Handelsstaat" Beachtung verdient: Bei Rousseaus "contrat social" hätte Chevallier noch schärfer die Spannung und die partielle Gegensätzlichkeit, die zwischen der Verwerfung der Gewaltenteilungslehre als Souveränitätsprinzip im zweiten Buch und ihrer Bejahung als Herrschaftsmethode im dritten Buch bestehen, herausarbeiten können.

Trotz allem muß die deutsche Übersetzung von Chevalliers Werk aufs lebhafteste begrüßt werden: als die Säule eines Tempels, der noch unvollendet ist.