Bernie Hankinson ist einer meiner interessantesten Freunde. Zwar kann man sich mit ihm nicht groß über Politik unterhalten oder andere unliebsame Themen besprechen. Bernie ist auch kein Freund von kulturellen Ereignissen und hält Picasso für einen Ballettänzer. Es hat jedoch kaum Zweck, ihn aufzuklären, denn er ist eigentlich gar nicht auf dem Lande zu Hause. Bernie ist Großfischjäger. Wahllos fängt er alles Fischige: Meerbarsche, Pollacks, Thunfische, aber am liebsten Haie; groß müssen sie sein. Er begann seine Laufbahn in den Gewässern der Arran-Inseln an der Westküste Irlands bei einem Fischer, der "Basking Sharks harpunierte. Diese Haie sind riesige Viecher, trotz ihrer Größe jedoch gänzlich harmlos, weil sie Planktonfresser sind. Sie werden wegen der Leber gejagt. Seit aber Vitamin D synthetisch gewonnen wird, hat der Bedarf an Lebertran nachgelassen, und die Haie mit dem engen Schlund können sich jetzt wieder ungestört an der Oberfläche der See sonnen.

Bernie und ich lernten uns während des Krieges kennen, mich faszinierten seine Zukunftspläne. Er wollte auf den Seyschellen-Inseln eine Hai-Fischerei betreiben und das getrocknete Fleisch nach Arabien und Umgegend exportieren. Einen Plan, den er später auch getreulich ausführte. Nur fand seine Frau das Leben auf der Mahé-Insel äußerst langweilig und den Gestank fürchterlich. Daher ließ sich Bernie breitschlagen und zog mit Frau und Angel wieder in die Heimat. In Looe, einem netten Fischerhafen in Cornwall, gab es alles, was er suchte: Woolworth, Kino und in den Küstengewässern Haie. Denn ohne Großfische kann Bernie nicht leben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß seine Berichte über den Fang von 200pfündigen Thunfischen und drei Zentner schweren Haien auf das Gramm stimmen. Er war es, der mich der Süßwasser-Angelei etwas entfremdete und mich in die Großfischjagd einführte. Das war allerdings nicht schwer.

Seit Jahren hatte ich an einer Flußmündung gefischt und ihre zunehmende Verunreinigung durch chemische Abflüsse erlebt. Wo einst Fischottern spielten und die Seeforellen ihre Kreise im kristallklaren Wasser zogen, floß nun eine trübe, ölige Flüssigkeit in das Meer. Bernie lud mich also ein, es mal mit Großfischen aufzunehmen. Allerdings mußte ich mich raufarbeiten und mit Meerbarsch und Pollack (einem Vetter des Schellfischs) anfangen. An der felsigen Granitküste Cornwalls fängt man diese Fische von den Granitbastionen, die ins Meer stoßen. Die etwa zehn- bis zwölfpfündigen Pollacks liefern einen überraschend harten Kampf. Auch Wrassen halten sich gern in den kleinen, aber tiefen Riffen auf. Sie fressen dort kleine Krustentiere. Sie müssen daher mit der Bodenangel oder dem Paternoster – drei bis vier Angelhaken in Abständen – gelockt und gefangen werden. Auch die Wrassen sind gute Kampffische. Wrassen sind kaum eßbar, sie werden von den Hummerfischern in Cornwall als Lockmittel für die Hummerkörbe sehr gesucht. Eine dicke Wrasse gegen einen Hummer zu tauschen ist daher fair.

Besonders aufregend ist die Jagd nach dem Meeraal, dessen Durchschnittsgewicht etwa 20 Kilo beträgt. Es werden Exemplare bis zu 160 Pfund gefangen. Wer auf Meeraale auszieht, sollte unbedingt mit einem erfahrenen Fischer, der die Gegend genau kennt, das Abenteuer unternehmen. Meeraale haben ihre Futtergründe ebenfalls an steinigen Küsten und halten sich mit Vorliebe in den tiefen Löchern auf. Es ist nicht ratsam, von glitschigen Felsen zu angeln. Die angehende Dunkelheit ist die beste Fangzeit, aber das Zusammentreffen von Zwielicht, nassen Felsen und einem sich außerordentlich sträubenden Aal von anderthalb Meter Länge kann sehr gefährlich werden. Daher fische ich immer von einem Boot aus, in welchem ein Mann vollauf zu tun hat, es von der Brandung fernzuhalten. Trotz seiner Größe und Stärke ist der Meeraal ein scheuer Fisch und erschrickt leicht. Daher darf weder gesprochen noch irgendein Geräusch gemacht werden, selbst die Ruderhalterungen müssen umwickelt werden. Außerdem nimmt der Meeraal nur ganz frischen Köder.

Die Leine muß mindestens 30 Kilo Zerreißfestigkeit haben, denn der Aal zieht nach dem Anhieb nicht nur los und bietet strammen Widerstand, sondern dreht sich, wie ein Kreisel, um sich selbst. Das hält keine schwächere Leine aus. Mit Draht zu angeln, hat auch keinen Zweck, denn sobald der Meeraal einen harten Widerstand spürt, spuckt er den Köder wieder aus. Er hat, trotz der kräftigen Kiefern und Zähne, ein ungewöhnlich sensitives Maul und spielt oft eine halbe Stunde lang mit dem Köder. Er nimmt ihn ins Maul, speit ihn aus und peilt ihn wieder an.

Meeraalfang erfordert aber nicht nur Geduld, es ist auch nichts für schwache Herzen, denn wenn der Fisch den Köder genommen hat, muß man ihn so schnell wie möglich mit aller Gewalt von den Felsen ziehen. Wenn der Meeraal sich erst an ein Riff geklammert hat, ist die Wette zehn zu eins, daß er sich losreißt. Was den Kampf mit dem Meeraal so aufregend macht, ist die Tatsache, daß der Fisch sehr listig ist. Wenn er irgendwie kann, nimmt er die Leine über die messerscharfen Gesteinsvorsprünge und schneidet sie einfach durch.

Aber selbst vor einem anscheinend toten Meeraal sei gewarnt. Es ist unmöglich, sofort den Angelhaken zu entfernen, ohne das Risiko einzugehen, einen oder zwei Finger zu verlieren. Selbst dicke Gummistiefel werden glatt durchgebissen. Meeraalfischen ist in letzter Zeit an den Küsten Cornwalls sehr beliebt geworden. Es ist ausgezeichneter Sport, der harte Muskeln, Geduld und taudicke Nerven erfordert. Erschrecken darf der Neuling auch nicht leicht. Denn wenn in der Dunkelheit aus dem phosphoreszierenden Wasser zuerst der Kopf erscheint, ist das schon aufregend genug, wenn man dann aber noch angebellt wird von dieser Seeschlange, könnte man schon glauben, Luzifer vor sich zu haben.