Der Krieg in Vietnam steht vor einer Wende. In Washington waren Anfang dieser Woche zwei Meinungen zu hören.

1. Infolge des immer stärkeren Einsatzes amerikanischer Truppen und Flugzeuge flaut der Guerillakrieg ab. Viele Offiziere der Vietcong laufen über; die Verluste der Guerillas übersteigen 3500 Tote im Monat, die Reisrationen werden spärlicher. Zusehends beschränken sich die Vietcongs auf kleinere Überfälle und Terrorakte. Ihre neuesten Angriffsziele: Wahlversammlungen, Flüchtlingsdörfer, Offizierskasinos und Militärdepots, Die Ame rikaner werden nun ihrerseits zu kleinen Antiguerilla-Operationen übergehen und den Krieg allmählich abflauen lassen.

2. Vietnam-Experten in Washington sagen voraus, die USA würden noch im Herbst eine Invasion in Nordvietnam unternehmen. Die siebte Flotte soll an der Südküste Nordvietnams Truppen landen, die dann die Versorgungslinien nach dem Süden zu sperren hätten. Eine Intervention Pekings wird nicht befürchtet, da dieser Brückenkopf der Amerikaner weitab der chinesischen Grenzen läge.

Auf eine weitere Eskalation deuten noch andere Nachrichten hin: Innerhalb der nächsten zehn Monate werden 40 000 Amerikaner eingezogen, die normalerweise wegen schlechter Gesundheit oder geringen Wissens zurückgestellt worden wären. Außerdem wurde Präsident Johnson vom Senat ermächtigt, junge Reservisten einzuberufen.

Zu den fast 300 000 Amerikanern in Südvietnam werden zusätzliche 100 000 Soldaten benötigt, wenn ein neuer Plan der Militärs verwirklicht werden soll: Ein Großangriff gegen das volk- und wasserreiche Mekong-Delta. In diesem Gebiet leben acht Millionen Menschen, also die Hälfte der Bevölkerung Südvietnams. 80 Prozent der Reisernte des Landes werden dort, eingebracht. Bisher kämpft dort nur die südvietnamesische Armee. Ihren drei Divisionen war es bis zum Frühjahr gelungen, ein Drittel der Legion zurückzuerobern.

Aber ohne militärische US-Hilfe kann die Regierung in Saigon das Vertrauen der Bauern nicht gewinnen. In einer der fünfzehn Provinzen des Deltas wurden von 50 neugebauten Schulen 47 sofort durch die Vietcongs zerstört. Wegen der Flucht vieler Bauern blieb in diesem Jahr ein Drittel der Reisanbaufläche unbestellt.

Das Mekong-Delta ist immer noch die Kraftquelle der Partisanen. Hier holen sie ihren Reis, treiben ihre Steuern ein und füllen ihre Reserven auf. Von den fünfzehn Bataillonen, die der Vietcong jeden Monat neu rekrutiert, kommen die meisten aus dem Delta.