An der Börse ist das Publikum mutiger geworden. Seine Kaufanträge haben wesentlich zu der stabileren Tendenz auf dem Aktienmarkt beigetragen. Die Großanleger traten dagegen weniger in Erscheinung. Aber das ist kein Wunder, denn sie haben in den letzten Monaten "außerhalb der Börse" erhebliche Posten deutscher Aktien aufgenommen, die aus amerikanischen Beständen angeboten worden sind. Insofern ist es falsch, jetzt von einer "Kleine-Leute-Hausse" zu sprechen. Der längerfristigen Anlage wurde bisher nur ein kleiner Kreis von Papieren für würdig befunden. Sie rekrutieren sich im wesentlichen aus dem Bereich der Chemie- und Elektroindustrie sowie aus dem der Banken. Im Hinblick auf die noch immer etwas heikle Börsensituation scheuen viele Sparer das Risiko der Aktienanlage. Aber wer sich "sichern" und dennoch die Chance auf Kursgewinne wahrnehmen will, sollte sich nunmehr für die Wandelanleihen interessieren.

Obwohl es auf dem deutschen Markt seit etwa zwei Jahren eine Reihe recht reizvoller Wandelanleihen gibt, haben diese Papiere im eigentlichen Sparerpublikum noch nicht recht Fuß fassen können. Das hat mehrere Gründe. Tatsache ist, daß die Börsen-Baisse auch an diesen Papieren nicht spurlos vorübergegangen ist und daß die Besitzer von Wandelanleihen, die ihre Papiere unter großen Hoffnungen erwarben, bisher daran keine Freude hatten. Das Bankhaus Georg Hauck & Sohn, Frankfurt/Main, meint in seiner neuesten Börsenuntersuchung, daß viele Privatanleger den Kauf dieser Papiere scheuen, da sie in der Konstruktion als recht kompliziert erscheinen. Der Wert einer Wandelanleihe wird nämlich nicht nur von dem Zinssatz her bestimmt, sondern in Zeiten fester Börsen ebenso von den Wandlungsbedingungen.

Besitzer von Wandelanleihen haben Anspruch auf eine feste Verzinsung, die auch dann gezahlt werden muß, wenn das Unternehmen ohne Gewinn bleibt und den Aktionären keine Dividende zahlen kann. Insofern sind Wandelanleihen den festverzinslichen Papieren gleichgestellt. Sie beinhalten aber das Recht, zu vorher festgelegten Konditionen in Aktien der gleichen Gesellschaft umgetauscht zu werden. Sie sind also "substanzgesichert" und unterliegen nicht den gleichen inflationistischen Einflüssen wie die Rentenwerte, die in bar zurückgezahlt werden. Der Besitzer von Wandelanleihen ist ein "Beinahe-Aktionär", dem eine gewisse Kurs- und Rendite-Sicherung garantiert wird.

Die Wandlungsmodalitäten gewinnen an Einfluß auf die Kursgestaltung einer Wandelanleihe, wenn die Wandlungsfrist bereits läuft oder wenn der erste Wandlungstermin vor der Tür steht. Dann muß nämlich ausgerechnet werden, ob man günstiger mit einem Verzicht auf eine Umwandlung der Papiere in Aktien fährt oder ob sich über die Wandlung ein Gewinn erzielen läßt.

Aber lassen Sie uns das, meine verehrten Leser, an einem Beispiel betrachten. Die 6 1/2prozentige Wandelanleihe der AEG wird an der Börse zum Kurs von 103 Prozent gehandelt. Ihre laufende Rendite beträgt also "nur" 6,3 Prozent. In einer Zeit, da sich am Rentenmarkt Renditen von 9 Prozent erzielen lassen, ist das nicht viel. Der Besitzer der AEG-Wandelanleihe verzichtet darauf, den höchsterzielbaren Zins mit seinem Geld zu erwirtschaften. Er tauscht dafür die Möglichkeit ein, im Zuge einer festeren Tendenz für Aktien Kursgewinne zu erzielen, weil ja der Kurs der Wandelanleihe über die Wandlungskonditionen an das Schicksal der AEG-Aktie gebunden ist.

In der Zeit vom 2. 1. 1969 bis zum 14. 12. 1971 können Wandelanleihen der AEG im Verhältnis 3 : 1 unter Zuzahlung von 50 Mark in AEG-Aktien getauscht werden. Wer also heute AEG-Wandelanleihen im Nennwert von 300 Mark zum Kurs von 103 Prozent (oder zusammen 309 Mark) erwirbt und bei der Wandlung dann 50 Mark in die AEG-Kasse zahlt, bekommt eine AEG-Aktie zum Nennwert von 100 Mark zu einem Preis von zusammen 359 Mark. Da der AEG-Kurs heute 350 Mark beträgt, macht das Agio gegenwärtig 9 Mark aus (pro Wandelanleihe zum Nennwert von 100 Mark also 3 Mark). Unter den gegenwärtigen Umständen wäre eine Wandlung also uninteressant.

Dennoch ist der Kauf der AEG-Wandelanleihe reizvoll. Denn der AEG-Aktionär erhält an Dividende nur 16 Mark pro Jahr (wenn die AEG bei ihrer zuletzt gezahlten Dividende bleibt), während der Besitzer der drei Wandelanleihen, die zum Tausch in eine AEG-Aktie berechtigen, jährlich 19,50 Mark kassieren kann. Das heutige Agio wird also durch die höheren Renditen der Wandelobligationen ausgeglichen. Wer Spaß daran hat, kann sich durch Abzinsung der später fälligen Bareinzahlung ein noch günstigeres Ergebnis ausrechnen.