Von Ian Low

Wie man weiß, haben sich die New Yorker an jenem denkwürdigen Novemberabend des vorigen Jahres, als für mehrere Stunden der Strom ausfiel, ruhig und diszipliniert verhalten. In den Haushalten, in denen noch ein paar Kerzen vorhanden waren, wird wohl so manches Pokerspiel die licht- und fernsehlose Zeit vertrieben haben – vielleicht griff auch der eine oder andere New Yorker im Kerzenschimmer zu Bertrand Russells "History of Western Philosophy". Was aber tat die große Masse der so plötzlich ins Dunkle versetzten Bürger der großen Stadt? Dr. Paul Siegel,ein bekannter Soziologe, meint: "Die Lichter gingen aus, und so blieb den Leuten nichts anderes übrig, als sich miteinander zu. beschäftigen."

Die Folgen dieser erzwungenen Beschäftigung wurden Anfang der vorletzten Woche, also neun Monate nach dem "blackout", offenbar: Mehrere New Yorker Kliniken meldeten, ihre Entbindungsstationen seien überfüllt. Das Mount Sinai Hospital, in dem normalerweise täglich etwa elf Babys zur Welt kommen, verzeichnete am 8. August 28 Geburten. In den vier Kreißsälen und den dazugehörigen vierzehn Vorbereitungsräumen des Krankenhauses herrschte Tag und Nacht Hochbetrieb. Fünf andere New Yorker Kliniken berichteten gleichfalls, daß die Zahl der Entbindungen in diesen Tagen sprunghaft gestiegen sei, während aufälligerweise in den Hospitälern derjenigen Stadtteile, in denen damals der Strom nur für ein bis zwei Stunden ausgefallen war, keine Bevölkerungsexplosion stattfand.

Einer der Spezialisten am Mount Sinai Krankenhaus, Dr. Richard Hausknecht, konnte diesem Tatbestand noch detailliertere Beobachtungen beisteuern. Laut New York Times erklärte Hausknecht: "Ich kenne das Empfängsnisdatum von zwei Patientinnen genau, es war die Nicht des blackouts", und er fügte hinzu, einige Ehepaare, die ihn zuvor um ärztlichen Rat ersucht hatten, weil sie kein Baby bekommen konnten, hätten offensichtlich ihr Fertilitätsproblem in jener dunklen Novembernacht zur Zufriedenheit gelöst.

Noch liegen nicht genug Angaben vor, aus denen sich ein Kausalzusammenhang zwischen Stromausfall und "baby boom" schlüssig ablesen ließe, vorerst brauchen sich also die Elektrizitätswerke und Fernsehstationen über die demoskopischen Konsequenzen ihrer Betriebsausfälle nicht den Kopf zu zerbrechen.

Freilich überlegen sich die Soziologen, Psychologen und Geburtshelfer nicht erst seit dem 8. August, welche Umweltbedingungen die Zeugungsfreudigkeit der Menschen beeinflussen. Irgendwer – ich bin ziemlich sicher, es war Pascal – hat zwar einmal gesagt, der Mensch sei das einzige Tier, das Nahrung zu sich nimmt, selbst wenn es nicht hungrig ist, trinkt, selbst wenn es keinen Durst verspürt und das ganze Jahr über der Liebe frönt. Doch das mit der Liebe ist ganz so einfach nicht. Dank der modernen Statistik erkennen wir nämlich, daß es bestimmte, für die einzelnen Nationen charakteristische Zeiten im Jahr gibt, in denen besonders viel, und wieder andere, in denen auffallend wenig Kinder gezeugt werden.

Anfang dieses Jahres veröffentlichte das amerikanische Gesundheitsministerium eine Studie von Harry, M. Rosenberg über die jahreszeitlichen Schwankungen der Geburtenzahlen in den USA in dem Zeitraum von 1933 bis 1963. Aus dieser Untersuchung geht hervor: