Von Gottfried Sello

Kunst soll sich in der Natur verlieren, meinte Hans Arp. Und wo kann sie das besser tun, als wenn sie sich ins Freie begibt, in die Landschaft. Er träumte davon, daß seine Werke, die "verborgene Wege der Natur" aufzeigten, ihren Platz irgendwo im Freien, in den Bergen, in der Natur finden sollten; unvermutet würde der Wanderer ihnen begegnen und sie gedankenvoll betrachten, ohne zu fragen, wer sie gemacht habe, dem Rätsel ihrer metaphorischen Gestalt nachsinnen: Torso – Muschel – Wolke – Stern – Blume.

Aber nicht nur für Künstler war die Idee, Plastik ins Freie zu holen, verführerisch. Es hing auch viel kunstpädagogischer Elan damit zusammen, es sollte auch den musealen Abnutzungs- und Ermüdungserscheinungen begegnet werden. Wird die Plastik ins Freie gestellt, so wird der Betrachter der lähmenden Verpflichtung enthoben, ihr feierlich ehrfürchtig gegenüberzutreten. Man geht im Park spazieren und genießt die frische Luft und gleichsam beiläufig, ohne daß sie sich aufdrängt, die sich in der Natur verlierende Kunst.

Sonsbeek ist, neben Battersea in London und Middelheim bei Antwerpen, ein traditionelles Zentrum dieser Freiluft-Bewegung. Der Park liegt vor den Toren von Arnheim, das Panorama der Stadt bietet an manchen Stellen, wenn es hinter Wiesen ins Blickfeld tritt, einen angenehmen Hintergrund für die eine und andere Skulptur. Das Gelände ist so weiträumig, daß sich die 267 Werke dieser 5. Internationalen Bildhauerschau bequem unterbringen lassen, ohne daß sie sich gegenseitig die Luft wegnehmen; einige Werke sind so gut versteckt, daß man, den Katalog in der Hand, Mühe hat, sie überhaupt zu finden. Sonsbeek ist im Stil der Englischen Gärten angelegt, der Natur ist viel Wachstumsfreiheit gelassen, die landschaftlichen Situationen sind abwechslungsreich. Rasenflächen, Hügel, Baumgruppen, ein Teich, vor dem Picassos "Badende" aufmarschiert sind, die mit ihrem bizarren Witz schon auf der II. documenta Furore machten. Ein besseres Terrain, um Plastik ins Freie zu bringen, kann man sich nicht wünschen.

Sonsbeek hat mit dieser Art der Kunstpräsentation schon früh, im Jahre 1949, begonnen. In Deutschland wurde die Idee später aufgegriffen, zuerst in der historischen Plastik-im-Freien-Schau 1955 im Hamburger Alsterpark. Das Sonsbeeker Experiment wurde später, bis 1958, als Triennale institutioniert. Erst in diesem Jahr wurde die unterbrochene Tradition wiederaufgenommen.

Warum die lange Pause? Die Veranstalter erklären, man könne nicht erwarten, daß in drei Jahren so viel bedeutende Werke produziert würden und so viel neue Bildhauer nachwüchsen, daß sich der Aufwand einer internationalen Plastikschau lohne. Das klingt einleuchtend, aber die Ausstellung widerspricht dieser Argumentation. Sonsbeek 66 beschränkt sich nämlich nicht, wie man danach vermuten müßte, auf das, was sich in der Plastik seit 1958 ereignet hat. Die Mehrzahl der Werke ist älteren Datums.

Das Ganze läuft auf eine historische Übersicht hinaus, angefangen bei den Bildhauern, bei denen auch die Kunstgeschichte sie anfangen läßt, bei Rodin, Maillol, Bourdelle. Man sieht Brancusi, man sieht Standardwerke der kubistischen Plastik, das "Große Pferd" von Duchamp-Villon, Laurens ist reich vertreten, seine wundervolle "Sirene" steht nicht am Wasser, angenehmerweise. Zwei Skulpturen von Jacques Lipchitz stehen vor mächtigen Bäumen, hier möchte ich einen Moment verhalten, weil Lipchitz gerade diese Woche seinen 75. Geburtstag feiert in Amerika, wohin er 1941 emigriert ist. Man sieht seine spätkubistische "Badende" von 1923 und das "Sacrifice" (der Opfernde mit dem Schlächtermesser ist Abraham), ein Alterswerk, in den Jahren 1949 bis 1957 entstanden und nicht allein bedeutend durch den Rückgriff auf das biblische Thema, sondern in der formalen Konzeption, die das Widersprüchlichste, die Kubismus und Barock zusammenklammert.