Von Helmut M. Braem

Was sich unsere Verleger im Falle Edmund Wilson nicht leisten, ist ein Ärgernis. Seit drei Jahren vergebliches Warten auf eine Übersetzung seiner erregend klar definierten Rebellion gegen den Staat, der wider das Wohl der Gemeinschaft handelt: "The Cold War and the Income Tax". Seit vier Jahren vergebliches Warten auf eine Übersetzung seines mathematisch präzisen Werkes zur kulturgeschichtlichen Spannung zwischen den Nord- und Südstaaten der USA: "Patriotic Gore". Seit elf Jahren vergebliches Warten auf eine Übersetzung seiner vielschichtigen Untersuchung der biblischen Handschriften: "The Dead Sea Scrolls". Seit vierzehn Jahren vergebliches Warten auf eine Übersetzung seiner Essays, auf die weder Freund noch Feind der heutigen – und nicht nur der heutigen – Literatur verzichten können: "The Shores of Light". Seit zwanzig, seit dreißig Jahren vergebliches Warten auf Übersetzungen seiner Reisebücher, deren vielfältige Interpretationen denen Wolfgang Koeppens von Spanien und Rußland ähneln. Genug davon; die Warteliste ließe sich, ohne Edmund Wilsons Gedichte und Dramen auch nur zu erwähnen, noch eine gute Weile fortsetzen.

Immerhin gibt es in deutscher Sprache das von den deutschsprachigen Lesern kaum wahrgenommene Buch "Der Weg nach Petersburg" (Verlag Rütten + Loening, München 1963), der ein Weg revolutionärer Ideen ist: von Babeuf bis Lenin. Und immerhin gibt es einen genau vor zwanzig Jahren erschienenen Roman dieses großen alten Mannes der amerikanischen Literatur nun auch in unseren Buchhandlungen –

Edmund Wilson: "Erinnerungen an Hekates Land" (Originaltitel: "Memoirs of Hecate County"), aus dem Amerikanischen von Susanna Rademacher; Rowohlt Verlag, Reinbek; 384 S., 22 – DM.

Es mag Leute geben, die beim Lesen von Wilsons "Erinnerungen an Hekates Land" da und dort Anstoß nehmen werden. Nicht nur einmal wird von Betten gesprochen, in denen mehr als allein der Schlaf zu seinem Recht kommt. Es ist auch keineswegs stets Liebe, die zwei Menschen zusammenführt; es kann ebenso Langeweile, Verdruß, Angst, Schutzsuche, Gier sein. Wilson jedoch hascht nicht nach Reizeffekten. Er stellt fest, was ist. Die vorgefundene Realität mißfällt ihm, dem Ästheten. Oder dem Moralisten? Edmund Wilson ist niemals der eine oder der andere, ist immer Ästhet und Moralist zugleich. An dieser Innenspannung, sagt er, hat er zu leiden. Aber sie gibt ihm auch die Impulse.

Der Moralist Wilson kann sich nicht wie der Ich-Erzähler, ein Kunstkritiker und Liebhaber längst vergessener Gedichte, in ein "Refugium des Geistes" flüchten, kann sich nicht resignierend einschließen, kann nicht von der Macht des "Bösen" sprechen, ohne sie zu schildern. Edmund Wilson, im vergangenen Mai einundsiebzig Jahre alt geworden, steht noch ziemlich fest in der calvinistischen Tradition seiner Familie; er ist einer der letzten großen Puritaner Amerikas, der in der Welt von Henry James, ja von Nathaniel Hawthorne zu leben vermag und diese Welt mit der unseren zu konfrontieren versteht. Das Erlebnis gleicht einem Alptraum.

"Memoirs of Hecate County": ein Buch der Erzählungen. Was sie zusammenhält, ist die Einheit des Ortes, ein fiktiver Villenvorort von New York, "Hekates Land" genannt, "einer der vielen klassischen Ortsnamen ... wie Syracuse, Hannibal oder Rome, den die Bewohner anscheinend auf gut Glück aus dem Plutarch herausgepickt hatten". Im Mittelpunkt steht der Erzähler, der von seinen Begegnungen mit den Leuten dieser nahezu vornehmen Siedlung berichtet. Es sind Amerikaner des gehobenen Mittelstandes, die ihr Geld in der Werbung, im Verlagsbuchhandel oder mit kleinen Firmen verdienen, ständig im Kampf mit ihrer freien Zeit liegen, bei Partys vorgeben, sie genössen die alkoholisierte Unterhaltung, und die reichlich mit dem Überwinden psychischer oder physischer Tiefpunkte beschäftigt sind. In "Hekates Land" ist der Katzenjammer populär; ein weitverbreitetes Elend in der gegenwärtigen Literatur. Aber meist werden nur die Wirkungen des Jammers fixiert. Wilson hingegen fahndet nach dem, was sie auslöst.