FÜR alle, ausnahmslos alle, die diese Erzählung noch nicht kennen, und ganz besonders für jene, die meinen, ein Feinschmecker müsse sich heute über einen Schriftsteller wie Werner Bergengruen (1892–1964) unbedingt mit milder Geringschätzung und mit spöttischer Nachsicht äußern –

Werner Bergengruen: "Die drei Falken", Erzählung; Verlag Die Arche, Zürich; 103 S., 9,80 DM.

ES ENTHÄLT den (sorgfältig gedruckten) Text der erstmalig 1936 erschienenen Erzählung sowie neun Zeichnungen von Hans Fronius.

ES GEFÄLLT – ja, es gefällt mir dieses Prosastück immer noch außerordentlich, und ich zögere nicht zu sagen, daß es in seiner Art vollendet ist. Gewiß fällt es schwer, die in manchem der vielen Bücher Bergengruens enthaltenen Elemente der Innerlichkeit und der schiefen Idyllik, der Künstelei und einer etwas hausbackenen Betulichkeit ohne Widerspruch zu akzeptieren. So bedenklich eine solche Mischung, in Deutschland zumal, auch sein mag, so wenig darf man Bergengruens Meisterschaft verkennen. Gerade die Geschichte von den "Drei Falken" – es handelt sich um einen verzwickten Erbstreit im mittelalterlichen Neapel – zeigt seine erzählerische Kunst, die hier, wie schon der Titel andeutet, bewußt an die große Tradition der italienischen und der deutschen Novelle anknüpft, von ihrer besten Seite. Er bedient sich der novellistischen Form mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit und Souveränität. Er vermochte eine ungewöhnliche Phantasie und ein in der Tat imponierendes Fabuliertalent mit der Geschmeidigkeit, der Eleganz und der Musikalität der Sprache zu verbinden. Er liebte deutliche Akzente, dramatische Situationen und effektvolle Steigerungen, überraschende Wendungen und didaktische Pointen. Die gelegentlichen Schwächen der Erzählweise Bergengruens mildert ein leiser und wissender Humor, dem man das Vorbild der von ihm besonders geschätzten russischen Klassiker oft anmerkt. M. R.-R.