Obwohl fünf Milliarden Mark Exportüberschuß winken und die Preise langsamer steigen, gibt es noch genug Anlaß zur Sorge

Ludwig. Erhard im Juni: "Das deutsche Volk taumelt dahin." Ludwig Erhard im August: "Über das Gröbste sind wir nun hinweg." Seit seiner Regierungserklärung im vergangenen Herbst hat der Kanzler vor drohenden wirtschaftlichen Gefahren gewarnt, hat er mit Ernst und oft mit Leidenschaft gemahnt: "Wir sind bereits auf der schiefen Bahn." Nun soll alles plötzlich nicht mehr wahr sein. Erhard in einem Interview am Tegernsee: "Wir sind doch verrückt geworden, dauernd von einer Krise oder einem Verfall der Konjunktur zu sprechen."

Wie ist der Sinneswandel des Kanzlers zu erklären? Gewiß kann man seit einigen Monaten Anzeichen für eine Stabilisierung der Konjunktur registrieren. Die Preise, gemessen im Index der Lebenshaltungskosten, sind in den letzten beiden Monaten nicht weiter gestiegen – was dazu geführt hat, daß die "Entwertungsrate" der Mark gegenüber der gleichen Vorjahrszeit im Juli auf 2,9 Prozent zurückgegangen ist (in den ersten fünf Monaten dieses Jahres hatte sie über 4 Prozent gelegen). Und nachdem als Folge der Konjunkturberuhigung der Importsog nachläßt, steigen auch unsere Exportüberschüsse wieder. Aber ist wirklich alles in Ordnung, nur weil die Preise langsamer steigen und das Defizit unserer Zahlungsbilanz nicht so hoch ausfallen wird wie 1965? Und weiter: können wir überhaupt sicher sein, daß es in dieser Richtung weitergehen wird?

Bei den Preisen erscheint das durchaus ungewiß. Die Beruhigung ist in erster Linie darauf zurückzuführen, daß die große Lohnwelle vorbei ist und die Nahrungsmittelpreise in diesem Sommer ungewöhnlich stabil geblieben sind. In beiden Fällen muß man damit rechnen, daß die Tendenz in einigen Monaten wieder umschlägt – ganz abgesehen davon, daß eine Teuerung von 2,9 Prozent auch im internationalen Vergleich immer noch zuviel ist.

Auch bei der Beurteilung der Entwicklung unseres Außenhandels besteht kein Anlaß zu lautem Optimismus. Das Hamburger Welt-Wirtschafts-Archiv hat zwar vorausgesagt, der Exportüberschuß werde in diesem Jahr mehr als 5 Milliarden Mark erreichen – aber selbst wenn sich diese Erwartung erfüllt, würden das noch immer mindestens eineinhalb Milliarden Mark zu wenig zum Ausgleich unserer Zahlungsbilanz sein. Zu Jahresbeginn war ein Außenhandelsüberschuß von 4 Milliarden Mark in die Berechnungen eingesetzt worden, nun wird es vielleicht eine Milliarde mehr werden. Grund zu der Feststellung, wir seien "über das Gröbste hinweg"?

Die Bundesrepublik braucht einen Exportüberschuß von jährlich 7 Milliarden Mark, wenn sie ihre Devisenausgaben für Auslandsreisen, Dienstleistungen und die Überweisungen der Gastarbeiter ausgleichen will. Die Anforderung an unsere Exportkraft wird noch höher, wenn Bonn sich unter massivem Druck schließlich doch bereit finden sollte, Amerikanern und Engländern direkte Devisenhilfe für die Stationierung ihrer Truppen zu gewähren. Noch etwas: den Amerikanern gehören in unserem Land Esso, Opel, Ford, IBM und Hunderte anderer Firmen. Das ist völlig in Ordnung – nur müßte die deutsche Wirtschaft damit beginnen, sich auch wieder ein Auslandsvermögen aufzubauen. Um Kapital exportieren zu können, brauchen wir noch höhere Deviseneinnahmen.

Es gibt auch noch naheliegendere Sorgen. Der Überschuß im Außenhandel hat in den ersten sechs Monaten gut 1,1 Milliarden Mark mehr betragen als in der gleichen Zeit 1965. Aber fast 40 Prozent dieses höheren Erlöses, genau 420 Millionen Mark, stammen aus dem Export in die USA: Unsere Ausfuhren nach Amerika sind um 22 Prozent gestiegen, während sich die Einfuhren kaum erhöht haben. Das ist ganz einfach eine Folge des Vietnam-Booms, der Amerika den schärfsten Preisauftrieb seit sechs Jahren beschert. Es kann uns wohl nicht befriedigen, daß die Besserung unserer Devisenbilanz von der Fortdauer des Vietnam-Krieges abhängt.