Von Thomas v. Randow

Elektronische Datenverarbeitungsgeräte sind längst unentbehrliche Hilfsmittel im Wirtschaftsleben, in der Technik, in der Planung und in der wissenschaftlichen Forschung geworden. Seitdem es Computer gibt – also etwa seit 15 Jahren – wird die Kunst, sie zu programmieren, auch zu Experimenten verwendet, die man unter der Bezeichnung „artificial intelligence“ zusammenfaßt. Das Ziel dieser Versuche ist es, intelligentes Verhalten, wie es sich im Lernen, im strategischen Spiel, im Verstehen von Symbolen oder Lösen von Aufgaben manifestiert, durch eine Maschine zu imitieren. Diese Verwendung der Computer als Denksimulatoren hat nicht nur die Phantasie von Science-Fiction-Autoren beflügelt, sondern auch Philosophen und Psychologen dazu angeregt, neue Denkmodelle zu entwerfen. Freilich sind nach den spektakulären Anfangserfolgen auf dem Gebiet der Artifiziellen Intelligenz keine wesentlichen Fortschritte mehr erzielt worden. Dessen ungeachtet halten sich in der populären und sogar in der wissenschaftlichen Literatur hartnäckig Gerüchte über schachspielende Automaten, die ihre Lehrmeister besiegen, und Apparate, die angeblich neue mathematische Theoreme entdeckt haben.

In ein paar Monaten müßte es den vollkommenen Schachspiel-Automaten geben, eine Maschine, die jeden menschlichen Gegner im Königlichen Spiel besiegt und, falls nicht besondere Regeln künftig Apparate von der Konkurrenz ausschließen, mit Sicherheit Schach-Weltmeister wird. In ein paar Monaten müßten Computer wichtige, bislang unbekannte mathematische Gesetze entdecken und Sonaten oder Symphonien komponieren, denen nach allgemeinem Urteil der Musikkritiker ein hoher künstlerischer Wert zukommt. Auch müßten elektronische Rechengeräte eine hieb- und stichfeste Theorie ersinnen, die alle wesentlichen Fragen der Psychologie beantwortet.

Denn spätestens im Jahre 1967 sollten nach Meinung von Professor H. A. Simon, einem amerikanischen Spezialisten auf dem Gebiet der „Artifiziellen Intelligenz“, diese und noch eine Reihe anderer Errungenschaften erzielt worden sein. Noch ist die Frist nicht ganz abgelaufen; den Ingenieuren und Mathematikern bleibt also noch einige Monate Zeit, die Prophezeiung zu erfüllen, die Simon vor einem knappen Jahrzehnt in Fachzeitschriften und Reden veröffentlicht hat. Die Chancen sehen freilich nicht gerade rosig aus.

Vorhersagen auf wissenschaftlich-technischem Gebiet sind, das liegt in ihrer Natur, riskant; man sollte es daher dem amerikanischen Gelehrten nicht allzusehr übelnehmen, wenn er sich um ein paar Jahrzehnte (oder Jahrhunderte?) verkalkuliert hat. Bedenklicher sind die Märchen, die über den gegenwärtigen Stand der Computer-Technik verbreitet werden. So liest man zum Beispiel in dem Buch von Gerald Leach „Unsere Welt morgen“: „Es gibt tatsächlich ein paar Rechengeräte, denen das Schachspielen so ausreichend beigebracht worden ist, daß sie jeden Anfänger und die meisten Amateure zu schlagen vermögen. Einige moderne Rechengeräte können sogar aus ihren eigenen Fehlern lernen und haben nach nur zwanzigstündigem Spielen auch schon den Mann geschlagen, der sie programmierte.“ Und weiter: „Man hat einem amerikanischen elektronischen Rechengerät beigebracht, geometrische Lehrsätze zu beweisen. Die wirklich aufregende Tatsache über dieses Gerät jedoch ist, daß es bereits ein- oder zweimal einen Beweis geliefert hat, an den zuvor kein Mathematiker gedacht hatte, einen Beweis, der einfacher und eleganter war als die üblicherweise gebrauchten.“

Derartige Behauptungen kann man in zahllosen Sachbüchern, Zeitungsartikeln und sogar in seriösen philosophischen Abhandlungen lesen. Tatsächlich handelt es sich hier gelinde gesagt um Übertreibungen. Ihr Ursprung ist allerdings nicht selten in wissenschaftlichen Forschungsberichten zu finden, die von den Computer-Experimentatoren selbst verfaßt worden sind. Das demonstriert Dr. Hubert L. Dreyfus in einer kürzlich erschienenen Broschüre „Alchemy and Artificial Intelligence“. Dreyfus, Ordinarius am Massachusetts Institute of Technology, hat diese Schrift bezeichnenderweise während seines Forschungsaufenthaltes bei der RAND Corporation in Santa Monica (Kalifornien) verfaßt, jener „Denkfabrik“, in der angeblich – aber nicht in Wirklichkeit – mit Hilfe von mathematischen Formeln und Computer-Programmen die Entscheidungen ausgerechnet worden sein sollen, die die US-Regierung im Korea-Krieg und während der Kuba-Krise getroffen haben. Die RAND-Forscher, die sich vergeblich bemühen, solchen Gerüchten entgegenzuwirken, haben wohl Dreyfus ermutigt, die nicht minder hartnäckigen Gerüchte über intelligente Maschinen als Märchen zu entlarven.

Dreyfus zitiert W. Ross Ashby, Professor an der Universität Illinois, der erst jüngst wieder schrieb, ein von seinem Kollegen H. Gelernter programmierter Computer habe „einen neuen mathematischen Beweis erbracht, der zweitausend Jahre lang von den größten Mathematikern nicht entdeckt worden ist. Hätte ihn jemand gefunden, dann wäre ihm das höchste Lob zuteil geworden“.