Seltsam, wenn in diesen Wochen die Älteren den Namen Hans Zehrer hören, erinnern sie sich weniger an die Jahre, da sie seine Artikel in der „Welt“ lasen, als an die Zeit um 1930. Damals traf man in der Eisenbahn oft auf junge Leute, die die „Tat“ lasen; fast immer Leute mit klugen und nachdenklichen Gesichtern. Es waren auch vor allem junge Menschen, die miteinander über die „Tat“ sprachen, Studenten, Lehrer, Anwälte, Ärzte, Angestellte, Offiziere und junge Abgeordnete aller Fraktionen. Bei ihnen waren wache Aufmerksamkeit und innere Gespanntheit zu spüren, sie wollten diese gärende Zeit verstehen, aber sie wollten auch bessern, sie wollten etwas Neues, sie wollten daran mitwirken.

In manchen Orten bildeten sich Gemeinschaften, die sich „Tatkreise“ nannten und versuchten, mit den Herausgebern der Zeitschrift in Verbindung zu treten. Wieviel waren es? Wieviel Leser, Anhänger, Jünger hatte die „Tat“?Vielleicht hunderttausend, vielleicht zweihunderttausend. Nicht viel im Zeitalter der Massen, aber bedeutsam durch ihre geistige Führerstellung in der Nation, durch ihren Glauben, durch ihren Willen, die Menschen und die Dinge in Bewegung zu setzen.

Nur wenige kannten das geistige Haupt dieser Bewegung anders als aus seinen Artikeln. Hans Zehrer besuchte damals wohl gern Salons, hier wohlgelitten bei gebildeten und einflußreichen Herren und jüngeren und älteren Damen wegen seines Plaudertalents, seiner anziehenden Mischung von Selbstbewußtsein und Bescheidenheit, seiner oft aufreizenden, stets geistreichen Bemerkungen zum Tage und über Personen.

Am liebsten aber saß er an seinem Schreibtisch, überschaute die Jahrtausende und glaubte, aus ihnen die Zeichen der Zeit deuten zu können. Er erblickte in der Geschichte der Gracchen einen besseren Schlüssel zum Verständnis der sozialen Krise als in einem Gespräch mit dem Arbeitsminister. Er lebte seinen Gedanken und seinen Visionen und errang eine nicht breite, aber tiefe Wirkung durch die federnde Eleganz seines Stils, der spielend die Last schwerer Gedanken zu tragen schien, und durch die herrscherliche Bestimmtheit, mit der er seine Überzeugungen als gültige Wahrheiten von Ewigkeitswert verkündete. So war er der anerkannte Führer einer auserlesenen Schar von geistigen, opferbereiten, idealistischen, nach politischen Taten drängenden jungen Menschen.

Viele Jahre hatte er über Außenpolitik geschrieben. Aber als im Jahre 1929 Eugen Diederichs ihn zum Chefredakteur der „Tat“ berief, sah Zehrer sein Volk in einer Lage, die völlig verschieden war von der leidlich gefestigten Welt, in der er jahrelang gelebt hatte: die Republik begann zu zerfallen. Hans Zehrer glaubte nicht mehr, daß sie in ihrer liberal-demokratischen Form noch erhalten werden könne, und er beschloß, das Seine dazu zu tun, daß sie von einem festeren und kräftigeren Gemeinwesen abgelöst werde.

Konservativer, der er durch Herkunft, Erziehung, Wesensart, geistige Bildung war, glaubte er, dies nur mit dem Mittel eines verjüngten Konservatismus erreichen zu können. So entwarfen er und seine Freunde das Bild, das die Leser verzauberte: den Staat der Autorität, der sich „zwischen Liberalismus Und Diktatur“ bewegte; die Verwaltung und die Polizei ohne Parteieinfluß; die Herrschaft des Kapitalismus gebrochen; Vertretung des Volkes durch die natürlich gewachsenen Stände statt durch künstliche Parteien; die Rechte der Massen anerkannt durch einen nationalen Sozialismus; die Wirtschaft losgelöst aus den Verflechtungen der Weltwirtschaft, die doch – sah man es nicht an sechs Millionen Arbeitslosen? – nur Unheil über Deutschland gebracht hatte.

Es hat später nicht an Versuchen gefehlt, ihn einen Wegbereiter des Nationalsozialismus zu nennen. Wenn jemand so eindringlich die Verbindung des Nationalen und des Sozialistischen predigt wie Zehrer – dies hat noch vor kurzem ein Professor der politischen Wissenschaft gemeint –, dann werde der gläubige Leser unweigerlich nationalsozialistisch wählen, auch wenn Zehrer niemals dazu aufgefordert habe. Ein so kluger Mann wie Kurt Sontheimer kann eine solche Meinung nur vertreten, weil er die Zeit um 1930 nicht bewußt erlebt hat. Die Verschmelzung von Nationalismus und Sozialismus war kein Monopol der Propaganda Hitlers; er nahm nur mit seinem untrüglichen Instinkt für die zündende Kraft von Schlagworten den Begriff auf. Aber die Idee lag in der Luft, und viele Gegner Hitlers haben geglaubt, man solle die beiden mächtigsten Triebkräfte der Zeit miteinander verschmelzen.