Lily Abegg: Vom Reich der Mitte zu Mao Tse-tung, Verlag C. J. Bucher, Luzern, 208 Seiten, 21,80 DM.

Es wird Zeit, eine China-Bibliographie zu schreiben. Vorzugsweise müßte sie sich heute mit einer Übersicht über Werke befassen, die die Periode von Mao Tse-tungs Leben und Wirken behandeln. Englische und amerikanische Sachkenner wie Robert Payne und Edgar Snow, deutsche Publizisten wie Harry Hamm und Hans Henle haben dies in den letzten Jahren gewissenhaft und hingebend getan. Bei aller Eindringlichkeit verhallten ihre Worte in der Weite. Sie entsprachen nicht den von der Presse der Allgemeinheit eingehämmerten Auffassungen und Vorstellungen. Die Politiker immerhin hätten sie erreichen sollen. Die wiederum lesen erfahrungsgemäß nicht.

Nun kommt zu den vielen ein weiteres Werk über China und den Mann, von dem man im Zusammenhang damit fast täglich liest, Mao Tsetung. Kann und wird es etwas Neues bringen?

Wieder erscheint sein uns nun geläufiges Bild auf dem Umschlag. Werden wir nun erfahren, was sich hinter der hohen Stirn, hinter dem in der Öffentlichkeit behäbigen Lächeln und der in der Einsamkeit sorgenvollen Miene verbirgt? Ist er ein „Diktator, Menschenschinder und Tyrann“ oder wie ihn bis zu einer ihm nicht anstehenden Geschmacklosigkeit, aber nicht ohne Wirkung die Propaganda hinstellt, „leuchtendes Vorbild, tief verehrte Vaterfigur“?

Lily Abegg sucht diese und andere Fragen auf eine eigene Weise zu beantworten. Daß es die langjährige Mitarbeiterin schon der „Frankfurter Zeitung“ und heute der „Frankfurter Allgemeinen“ tut und wie sie es tut, verleiht dem Buch besonderen Charakter und Wert. Schon äußerlich kommen beide zum Ausdruck. Die großen Illustrationen bedingten das Bilderbuchformat der Reihe „Die Zeitgeschichte im Bild“. Aber es ist kein nur durchzublätterndes Bilderbuch. Schon die leicht lässige, geist- und schwungvolle Handschrift des Künstlers Mao auf dem Vorsatzblatt gibt zu denken.

Das erste Kapitel behandelt dann aus der Notwendigkeit, die heutigen Entwicklungen Chinas und seines Verhältnisses zu den westlichen Mächten aus ihnen heraus zu erklären, den „historischen Hintergrund“. Dabei geht Lily Abegg wie folgt vor. Zunächst gibt sie eine klar geschriebene Zeitgeschichte, in diesem Fall beginnend mit den Opiumkriegen 1840/42 und der Taipingrebellion 1851/64 bis zu Maos Lehr- und Wanderjahren und der Revolution von 1911.

Dies taten auch Payne, Henle und Hamm, wenn schon nicht so schlüssig. Lily Abegg aber unterlegt schon diese laufende Darstellung mit wertvollen zeitgeschichtlichen Zitaten. Darüber hinaus bringt sie am Schluß jeden Kapitels Auszüge aus wichtigen Zeitdokumenten, so beispielsweise aus Lord Elgins Bericht vom Jahre 1816, nach dem er den Sommerpalast „aus Pflichtgefühl“ hatte in Brand setzen lassen, weil der schuldige Kaiser fraglos ein persönliches Verbrechen begangen habe, aus Sun Yat-sens Abhandlung über seine von der unseren verschiedenen Auffassung von der Freiheit, Maos Theorie von der Unmöglichkeit einer bürgerlich kapitalistischen Ordnung in China und seiner ersten Schrift „Untersuchung der Bauernbewegung in Hunan“. Und damit nicht genug, anschließend Zeichnungen, Bilder und photographische Aufnahmen, so der Großen Mauer als symbolischen Ausdruck chinesischen Abwehrwillens fremder Eroberer, einer Audienz beim Kaiser (im 19. Jahrhundert), Holzschnitte und Lithographien vom hundert), dem Chinesisch-japanischen Krieg bis zum Röchlingschen Gemälde aus wilhelminischer Zeit (Germans to the front), das unsere Jugend nicht Unbeeindruckt ließ und unsere damalige Einstellung so kennzeichnet. Die Bilder erklärt ein ausführlicher Text, der allein schon eine Geschichte Chinas wie, unserer seinerzeitigen Auffassung vom Lande wiedergibt.