Von Werner Koch

Als kurze Pause in der heftigen Diskussion um die Frage „Muß ein Lehrer Christ sein?“ erscheint ein Rückblick auf Jesus Christus angemessen. Das Stück soll Ende September in einem Buch „Der Prozeß Jesu“ bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen. Die Diskussion nehmen wir nächste Woche wieder auf. Es schreibt Dr. Hildegard Hamm-Brücher.

Von keinem Buch der Bibel, dem Alten wie dem Neuen Testament, existiert ein Originalmanuskript. Ob Moses oder die Propheten tatsächlich und wörtlich das gesagt haben, was man heute von ihnen weiß, ist zweifelhaft, und wenn sie es tatsächlich und wörtlich so gesagt haben sollten, läßt es sich nicht mehr beweisen. Die Bibel hat recht für den, der glaubt; wer ihr nicht glaubt oder ihr nicht glauben will, kann ihre historische Glaubwürdigkeit mit guten Gründen bezweifeln.

Obschon fast alle Bücher des sogenannten Alten Testaments zwischen dem achten und dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung entstanden sind, gab es schon im ersten Jahrhundert vor Christi Geburt keine Originalmanuskripte mehr, nur noch Kopien. Der älteste uns überlieferte Text des Alten Testaments ist eine Schriftenrolle des Buches Isaias, die in einer Höhle am Toten Meer gefunden wurde; die Historiker datieren das Manuskript ins erste Jahrhundert vor Christi Geburt. Die älteste vollständige, griechisch geschriebene Bibel ist der Codex Vaticanus – aus dem vierten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung –, und der älteste Beleg aus dem Neuen Testament ist ein Papyrusstück, das etwa 135 Jahre nach der Geburt Christi geschrieben wurde und einige Zeilen aus dem Evangelium des Johannes enthält.

Die Bibel ist eine Auswahl von Dokumenten, die bezeugen, was Jahrzehnte oder Jahrhunderte vorher geschehen sein soll. Sie ist, so wie sie heute vorliegt, ein von den Kirchen sanktionierter Extrakt historischer Zeugnisse; was „sanktionsfähig“ ist, bestimmt das jeweilige kirchliche Reglement. Die katholische Kirche anerkennt zahlreiche Schriften, die von den Protestanten nicht gleichermaßen gebilligt werden, und für die jüdische Bibel existiert das Neue Testament überhaupt nicht.

Nur die Autoren und Redaktoren des Neuen Testaments wissen von der Geburt, dem Leben und dem Sterben des Jesus von Nazareth zu berichten. Die zeitgenössischen Gechichtsschreiber nehmen keine Notiz davon. Paulus hat den historischen Jesus nicht gekannt, und die Evangelisten geben über sein Leben sich widersprechende Auskünfte. Es ist nicht nachweisbar, daß Jesus in Bethlehem geboren wurde; und wenn man es annimmt, so ist ungewiß, ob das Dorf Bethlehem im Lande Judäa oder das im Lande Galiläa gemeint ist. Und ebensogut läßt sich behaupten, Jesus sei in Nazareth geboren worden. Der Kindermord des Herodes ist außerhalb der Evangelien nirgends registriert. Das Geburtsjahr Jesu ist friglich. Das Todesjahr Jesu weiß man nicht. Die Namen der zwölf Jünger sind nicht einheitlich überliefert. Weder Paulus noch Markus kennen das Vaterunser. Nach Matthäus wohnen die Eltern Jesu in Bethlehem und ziehen nach Nazareth, nach Lukas dagegen wohnen sie in Nazareth und ziehen nach Bethlehem. Nach Matthäus findet die Himmelfahrt Jesu in Galiläa statt, nach Lukas auf dem Ölberg in Jerusalem.

Bibellexika geben zur Biographie Jesu folgende Angaben: