Von Gottfried Sello

Der Barock oder das Barocke als potentielle Interpretation unserer Zeit: in diesem Sinne ist auf dem Gebiet der bildenden Kunst die Ausstellung gemeint, die der Berliner Kunstverein in der Akademie der Künste vorbereitet. Anfang Oktober werden in der Akademie die „Labyrinthe“ eröffnet, Labyrinthisches in der europäischen Malerei von 1600 bis heute, bis zu Bernard Schultze, der seit Monaten in Berlin an seinem Labyrinth arbeitet.

Die Berliner Museen haben das Festwochenthema ebenfalls aufgegriffen, allerdings ohne den Ehrgeiz, es zu aktualisieren, sie wollen nicht das Barocke als permanentes Gestaltungsprinzip untersuchen, sie bleiben in den historischen Grenzen: „Deutsche Maler und Zeichner des 17. Jahrhunderts“ heißt die Ausstellung, die vier Wochen vor dem offiziellen Festwochenbeginn in der Orangerie von Schloß Charlottenburg eröffnet wurde. Es ist, glaube ich, nicht übertrieben, sie als ein kunsthistorisch epochales Ereignis zu apostrophieren. Hier wird in der Tat künstlerisches Neuland erschlossen, wie Stephan Waetzold, der Generaldirektor der Berliner Museen, in seinem betont vorsichtig formulierenden Vorwort schreibt: „Viele der geringeren und einige bedeutende Künstler sind bis heute selbst den Fachleuten wenig bekannt.“

Warum ist das 17. Jahrhundert bei den Fachleuten und erst recht beim Publikum ins Dunkel geraten? Die deutsche Kunst steht, nach allgemeiner Ansicht, im Zeichen einer Diskontinuität. Auf Geniezeiten folgen Epochen totaler Erschöpfung. Zwischen der Dürer-Zeit und den zaghaften Neuansätzen im 18. Jahrhundert klafft ein Vakuum, zur europäischen Barockmalerei habe, so weiß man es, Deutschland nichts Nennenswertes beigetragen. Die Vorstellung, daß deutsche Kunst im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges nicht existent sei, hat eine alte und schwer zu erschütternde Tradition.

„Die Königin Germania sah ihre mit herrlichen Gemälden gezierten Paläste und Kirchen hin und wieder mit der Lohe auffliegen, und ihre Augen wurden von Rauch und Weinen dermaßen verdunkelt, daß ihr keine Begierde oder Kraft übrigbleiben konnte, nach dieser Kunst zu sehen, von welcher nun schiene, daß sie in eine lange und ewige Nacht wollte schlafen gehen.“ Das schrieb Joachim von Sandrart, er ist der erste deutsche Kunsthistoriker oder Künstlerbiograph, seiner Initiative ist die Gründung der ersten deutschen Kunstakademie zu danken, es geschah in Nürnberg 1662, später übernahm er das Amt des Akademiedirektors. 1675 publizierte er seine „Teutsche Academie der Edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste“. Aber kaum hat er die „ewige Nacht“, in der die deutsche Kunst entschlafen sei, beschworen, da bemerkt er, daß sich das gnädige Schicksal dieser Finsternis erbarmt habe, „und ließe der Teutschen Kunstwelt eine neue Sonne aufgehen, die die schlummernde Freulin pictura wieder aufweckte“: den Maler Joachim von Sandrart. Sieht man seine Bilder, das Selbstbildnis, die Porträts, die Monatsbilder, der November als junger Jäger, der Dezember als alte Frau mit den Requisiten der Vergänglichkeit, auch seine Versuche im religiösen Fach, dann wird man ihn allerdings nicht für die Sonne halten, für die er sich selber hielt.

Wichtiger als der Maler ist der Autor Sandrart. Exemplarisch für die Künstler seiner Generation, der Kriegsgeneration, ist seine Biographie. Er ist 1606 in Frankfurt geboren, kommt aus begütertem Hause, fängt in Nürnberg mit der Malerlehre an, geht nach Prag, weiter nach Utrecht zu Honthorst, den er nach. England an den Hof Karls I. begleitet. Von 1629 bis 1635 lebt er in Rom, verkehrt mit allen bedeutenden Malern, mit Lorrain, Poussin, Guido Reni und Bernini. Zwischendurch ist er in Venedig, wo er ein gemeinsames Atelier mit dem deutschen Maler Johann Liss mietet. 1635 ist er in seiner Heimatstadt Frankfurt, bis der Krieg die Stadt erreicht und er nach Amsterdam ausweicht. Er betätigt sich erfolgreich als Porträtmaler, er findet auch hier rasch Kontakt zu den führenden Künstlern, auch zu Rembrandt. Bei Kriegsende ist er in Münster, in einem Monumentalgemälde (es war 1962 in der Ausstellung „Barock in Nürnberg“ und wurde wegen seines Riesenformats nicht nach Berlin transportiert) hat er den Friedenskongreß mit einigen hundert Einzelporträts festgehalten. Im Nachkriegsdeutschland ist er zu Ruhm und Aufträgen gekommen. Er lieferte alles, was verlangt wurde, Porträts in holländischer und Altäre in italienischer Manier, 1688 starb er in Nürnberg.

Symptomatisch ist der erste Teil seiner Biographie, ist die Heimatlosigkeit. Die meisten Künstler sind außer Landes gegangen, die Norddeutschen vorwiegend nach Holland, die Süddeutschen nach Italien, viele sind nicht zurückgekommen, haben sich auch künstlerisch eingebürgert. Der Holsteiner Jürgen Ovens ging nach Amsterdam, kehrte nach Kriegsende nach Holstein zurück, arbeitete für den GottorperHof und wurde 1662 wieder Bürger in Amsterdam. Er hat so viel von Rembrandt gelernt, daß er den Meister bei der Konkurrenz für das Amsterdamer Rathaus ausstach. Die Stadtväter entschieden sich für seine „Verschwörung der Bataver“ (die Entwurfszeichnung ist in Berlin ausgestellt), Rembrandts „Verschwörung“ kam als Fragment nach Stockholm.