Herr auf Taille – mit Blumen, Streifen, Farben

Von Manfred Sack

Der Messedirektor von der Heyde brauchte nicht zu erröten, er zitierte nur. Jemand, so sagte er, habe diesen Saal, den Auensaal der Messehallen, gerade einen „Tempel der Mode“ genannt. Den Tempel durchzog ein grau belegter Laufsteg; auf die weißen Wandpfeiler waren lange Rechtecke aus Silberpapier geklebt, die mit ihren konkav gerundeten Ecken barocke Spiegel imitierten. Die Lüster glänzten matt darin. Die Veranstalter der „Internationalen Herren-Mode-Woche“ waren davon überzeugt, daß die „salonmäßige Ausstattung“, auf die man diesmal besonderen Wert gelegt habe, gelungen war und nötig: Die moderne Mode liebt es, sich in altertümelnder Umgebung zu zeigen, dabei Rokoko und spätbürgerlichen Salon ungezwungen zu vermengen und sodann auch Barmusik nebst „spritziger“ (weiblicher) Conference dazuzutun. Das ist der Rahmen, den sich „die Mode“ allüberall schreinert, immerdar. Das ist die Atmosphäre.

In diesem modischen Tempel wurde nicht gebetet. Beim „Defilee des eleganten Herrn“ wurde notiert, gemurmelt, gespottet auch, gestaunt und nur einmal applaudiert: als nach allerlei Wagemut ein britischer Dressman englisch auftrat, mit Bowler und auch sonst sehr korrekt und klassisch.

Was der Modeschau zufolge im Frühjahr und im Sommer nächsten Jahres als modern gilt, sieht nach amtlichem Bericht knapp so aus: körpernah, schlank, gestreckt, tailliert. Diese Wörter waren in Köln so oft zu hören und zu lesen, daß ein Eröffnungssprecher ohne Zwischenruf behaupten konnte: „Der deutsche Mann ist modebewußt geworden.“

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Der deutsche Mann? Deutsche Männer klatschten Beifall für den konservativen Engländer; deutsche Männer gaben zu der Bemerkung Anlaß, der traditionelle „Slipon“ (oder Wettermantel) sei nach wie vor eines der beliebtesten Kleidungsstücke; deutsche Männer zeigten sich in Gestalt von Herrenmode-Einzelhändlern langweilig und bieder im Stil von gestern – keine gestreckte Linie, keine körpernahe Taille, keine glockig fallenden, schwingenden Rockschöße. Sind diejenigen, die die Mode verkaufen, Ignoranten? Vielleicht schämen sie sich. Es gäbe Erklärungen dafür.