Von Hildegard Hamm-Brücller

Seit Jahren bin ich dabei, in aller Welt Schulen und Hochschulen, Schüler und Studenten, Lehrer und Erzieher kennenzulernen und Material über Bildungsfragen, Planungen und Reformen zu sammeln. Große und kleine Bildungsreisen durch die pädagogischen Provinzen der Welt liegen hinter mir, nicht zu vergessen die sechzehn Lehr- und Wanderjahre als praktizierende Kulturpolitikerin.

Bis auf Frankreich habe ich die typischen Schul- und Bildungssysteme in West und Ost kennengelernt. Ich möchte nun versuchen, die kunterbunte Fülle der Eindrücke, Tatsachen und Erfahrungen nach bildungspolitischen Gesichtspunkten zu ordnen, und dabei der Frage nachgehen, ob es übereinstimmende Tendenzen, also so etwas wie eine Weltbildungspolitik, gibt und wie sie sich in den Bildungssystemen der großen Rivalen Amerika und Rußland darstellen.

Bei der Frage, wie in diesem internationalen Wettbewerb unser Land abschneidet, werde ich vermutlich ins Schußfeld bildungspolitischer Auseinandersetzungen geraten – wie immer geschieht das auf eigenes, parteipolitisch ungeschütztes Risiko.

Der besseren Ordnung halber und weil es Berichterstattung und Diskussion erleichtert, habe ich auf meinen Reisen drei verschiedene Notizbücher geführt: eines für Eindrücke, Zahlen und Fakten, die den Bildungspolitiker interessieren; ein zweites für Beobachtungen über die Zusammenhänge zwischen Bildungspolitik und Erziehungssystem einerseits und Staats- und Gesellschaftsform andererseits; ein drittes über meine Eindrücke von den menschlichen, den unpolitischen Kräften der Schulstube, über das tägliche Quantum an Sympathie, Geduld und Fröhlichkeit beim Umgang mit Kindern und jungen Menschen.

Bildungspolitik ist überall auf der Welt – und nicht etwa nur bei uns – eine junge und bislang mehr oder weniger spekulative species politischen Denkens und Handelns.

Am Anfang stand die Prognose der Wissenschaft, daß das Bildungspotential einer Nation ein ebenso wichtiger Existenz- und Machtfaktor geworden sei wie soziale Stabilität, Wirtschaftskraft und militärische Stärke.