Von Horst Hachmann

Die See ist das jüngste Ziel gelenkter Reisesehnsucht, Kreuzfahrten die neueste Mode im Wohlstandstourismus. Zu Weihnachten und Silvester, aber auch im Winter und im kommenden Frühjahr ist kein südlicher Hafen zu weit für unzeitgemäßen Flirt mit der Sonne.

Im Tourismus, so glaubte man bislang, lassen sich normalbürgerliche Fernwehsehnsüchte elektronisch bis auf zwei Stellen hinter dem Komma vorausberechnen. Man füttert die Computer mit einem Datengemisch von Komfortverlangen, Prestigedenken, Kilometerdurchschnitt und Vollpensionspreis und ermittelt so die vielzitierten „Trends“, die Aufschluß geben über Urlaubsbegehren. Doch als im Frühjahr die internationale Luftfahrt von einer unglücklichen Katastrophenserie betroffen worden war, erwies sich, daß so urmenschliche Gefühlsreaktionen wie Angst ein sorgsam auf Wahrscheinlichkeitsrechnung aufgebautes Programmgefüge zusammenbrechen lassen können. Die deutschen Mallorca-Geschwader starteten nicht in der projektierten Stärke. Die großen deutschen Touristikunternehmen, ans Improvisieren gewöhnt, konnten die für andere Branchenzweige, also Schiene und Schiff, verstärkt einsetzenden Nachfragen weitgehend positiv beantworten. Hierbei stellte sich als besonders auffallend der Trend zum Meer heraus. Mehr Vertreter aller neudeutschen Mittelstandsschichten als je zuvor buchten eine Dampferfahrt.

Das große Interesse an Meeresrauschen und fernen Häfen registrierte man in den Fernwehzentralen zwischen München und Hamburg mit Vergnügen. Man folgerte aus der steigenden Lust der Deutschen, immer mehr D-Mark ins Reiseabenteuer zu investieren, stärkeren Andrang zur vergleichsweise noch etwas teuereren Kreuzfahrt. Das Ergebnis dieser Spekulationen, die vierfarbigen, zum Teil auf Kunstdruckpapier hergestellten Prospekte verraten, was längst kein Geheimnis mehr ist: Wir stehen vor dem aufwendigsten „Kreuzfahrt-Winter“, den es bisher gab.

Im Mittelpunkt aller Programme stehen die beiden populären und begehrten maritimen „Rennstrecken“ quer durchs Mittelmeer und zu den atlantischen Inseln Madeira und Teneriffa. Kreuzfahrten zwischen diesen Breiten erfordern auch vom touristischen Normalverbraucher keine finanztechnischen Balanceakte. Solche Reisen kosten mindestens um 500 Mark, vorausgesetzt, man ist bereit, die Kabine mit Bettgenossen zu teilen. Schon für eine Zweibett-Innenkabine muß man allerdings einen erklecklichen Aufpreis zahlen. Mit Quelle übrigens kann man im April zehn Tage für 284 Mark durchs Mittelmeer schippern. Dies ist im Angebot bisher die absolut untere Grenze.

Wer es vorzieht, die Stationen des Orients mit dem, touristischen Statussymbol der seefahrenden Bundesrepublik, nämlich mit der „Hanseatic“, anzusteuern, muß sein Verlangen nach Höchstkomfort entsprechend bezahlen. Hier beträgt die Mindestrate eines 16-Tage-Trips von Genua bis Neapel mit Stationen an fast allen bedeutenden Tummelplätzen des östlichen Mittelmeeres 1600 Mark, höchster Kabinenluxus 4600 Mark.

Die schönsten Schiffe der Welt bietet Seetours im neuen Winterprogramm an. Etwa eine Weihnachts-Silvester-Fahrt auf der „Renaissance“ von Marseille durchs Mittelmeer bis Haifa-Izmir für 1800 Mark, mit „Prins der Nederlanden“ nach Westindien/Jamaica, ein Monat für 2500 Mark, mit der „Orania“ in die Südsee und den Fernen Osten mit Stationen in Colombo, Sidney, Honolulu, San Franzisko, Japan, Hongkong und Endstation Neapel für minimal 7780 Mark bei zweieinhalbmonatiger Reisedauer. Mit dem eleganten Flaggschiff der Holland-Amerika-Linie kann man für zweieinhalbtausend Mark auch zur Weltausstellung nach Montreal fahren.

Strandzauber unter Palmen bei Kalypsomusik: Die karibischen Inseln sind ein weiterer Schwerpunkt im diesjährigen Winterkreuzfahrtprogramm. Ein günstiges Angebot ist nach wie vor die „Irpinia“ der Siosa-Line mit einem Fahrpreis unter 2000 Mark für die Vierbett-Kabine in der Touristenklasse. Wer erster Klasse reisen will, muß 600 Mark draufzahlen. Die „Hanseatic“ wird im Januar sogar vor den Bahamas ankern (Stationen in Venezuela und Florida, Preis einschließlich Rückflug ab 2600 Mark). Zwar nicht billig, dafür aber ereignisreich ist das „Caribic-Programm“ des Norddeutschen Lloyd und der Lufthansa, das ebenfalls zu den attraktiven Stationen im karibischen Raum führt, eine Atlantik-Überquerung mit der „Europa“ oder der „Bremen“ und einen Lufthansaflug enthält, zwischen 17 und 40 Tage dauert und ab 2800 Mark zu haben ist.