Rom, im September

Seit einigen Tagen blickt die italienische Öffentlichkeit wieder mit wachsender Sorge und altem Mißtrauen nach Norden. Das Bild von einem sich wandelnden Deutschland, das besonders vor zwei Monaten anläßlich des Moro-Besuches in Bonn selbst von Blättern der Linken suggeriert worden war, ist verblaßt. Schatten der Vergangenheit sind darauf gefallen. Deutschland scheint plötzlich wieder das Wintermärchen von eh und je zu sein. Zwei Ereignisse genügten, um diesen alten Eindruck neu zu wecken und jede andere, modernere Deutschland-Vorstellung zu verdrängen: die Zuspitzung des Südtirol-Konfliktes und die Bundeswehrkrise.

Die Südtirol-Frage bildet seit fast einem halben Jahrhundert für Italien den neuralgischen Punkt in seinem Verhältnis zu seinem nördlichen Nachbarn. Sie ist. komplex – das weiß oder fühlt doch zumindest jeder intelligente Italiener genau. Sie rührt an das schlechte italienische Gewissen, aber sie ist auch ein Symbol für die Krönung des „Risorgimento“ und ist – seit 1946 – in den Augen der meisten Italiener ein Beispiel für die Überwindung extrem nationalistischen Denkens. Seit mehreren Jahren besteht bei den führenden Kräften des Landes zweifellos der ehrliche Wunsch, in dieser Frage eine vernünftige Synthese zwischen nationalem Stolz, europäischer Gesinnung und Wiedergutmachung von Unrecht zu finden. Die letzten, denen man dabei ein moralisches Recht zur Kritik und zum Drängen einräumt, sind freilich die Deutschen. Und diese Einstellung ist im Hinblick auf die jüngste deutsche Geschichte immerhin begreiflich.

So hat denn die Tatsache, daß sich ausgerechnet das Deutsche Fernsehen dazu hergab, ein Interview mit den Südtiroler Terroristen Burger und Kienesberger auszustrahlen, hier sofort die vorauszusehende Wirkung gehabt. Vor allem im Lager der extremen Linken und der neofaschistischen Rechten wurde jenen Kräften neue Argumente in die Hand gegeben, die schon immer behaupteten, daß sich die Zentrale des Südtiroler Terrorismus in Bayern befinde. Die demokratische Presse griff diese Argumente auf. Sie sprach plötzlich wieder von Pangermanismus und Revanchismus, wobei sie direkt oder indirekt das Südtiroler Autonomiestreben mit der offiziellen deutschen Weigerung zusammenbrachte, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen. Selbst der im allgemeinen recht bedächtige christlich-demokratische „Popolo“ bezeichnete den Südtiroler Terrorismus als den „machtvollen Katalysator“ für jene, die Deutschland in ein neues Abenteuer stürzen wollten. Und der regierungsnahe römische „Messaggero“ glaubte im Zusammenhang mit der Einstellung deutscher Rechtskreise zur Südtirol-Frage an die Ermordung von sechs Millionen Juden in den deutschen Konzentrationslagern erinnern zu müssen.

Nur wenige Blätter – wie das römische „Giornale d’Italia – machten ihren Lesern klar, daß Verärgerung und berechtigte Empörung in Italien den Sinn für Proportionen zu trüben drohten. Das deutsch-italienische Verhältnis war jedenfalls, wie man auch mit Bedauern bei der deutschen Botschaft registrierte, auf einmal wieder belastet. Der Ausbruch der Bundeswehr-Krise stellte dann neben die Gespenster des Pangermanismus und des Revanchismus auch noch das des deutschen Militarismus. Man sah und sieht heute noch diese Krise fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt, daß deutsche Generale den Primat der Politik brechen und die Vormachtstellungen wiedererobern wollen, die sie früher besaßen.

Die „Voce Republicana“ das Organ der zur Regierungskoalition gehörenden Republikanischen Partei, schrieb in einem Leitartikel: „Bei denen, die sich immer hinter der Gehorsamspflicht gegenüber einer abscheulichen politischen Macht wie dem Nazismus verschanzt haben, scheint sich gegenüber einem demokratischen Regime nicht ein Funken desselben Gehorsamsgeistes zu regen.“ Das müsse allen, die noch an das demokratische und friedfertige Deutschland glauben wollten, zu denken geben. Es sei geradezu gefährlich, heute mit fröhlicher Unbeschwertheit über die deutsche Vergangenheit hinwegsehen zu wollen.

Die linksliberale Turiner „Stampa“ zeigte sich nicht weniger besorgt. Sie schrieb: „Jetzt, nachdem die Bundeswehr aus dem Aufbaustadium heraus ist, taucht das alte Laster des deutschen Militarismus wieder auf: der Anspruch der bewaffneten Streitkräfte, einen Staat im Staate zu bilden, das letzte Wort in militärischen Dingen und angesichts der natürlichen Zusammenhänge auch in der Politik zu haben.“ Die Entwicklung der jüngsten Zeit habe leider der Behauptung des ehemaligen Wehrbeauftragten Heye recht gegeben, daß die Bundeswehr ein mit Waffen von morgen ausgerüstetes, aber im Geiste von gestern lebendes Heer sei.

Daß auch hier – wie im Falle Südtirol – Wahres und Falsches in einen Topf geworfen, daß die Krise in der Bundeswehrführung verzerrt gesehen und fehlinterpretiert wird, mag man in Deutschland bedauern. Man wird jedoch schwerlich verhindern können, daß durch gewisse deutsche Ereignisse in Italien schlimme Erinnerungen geweckt werden. Sandra Sassone