Boris Blacher: „Abstrakte Oper Nr. 1“, „Elektronische Impulse“, „Sonate für Klavier“, „Apréslude“, „What about this, Mr. Clementi?“; Ernst Haefliger (Tenor), Gerty Herzog (Klavier), The University of Illinois Opera Group, Leitung: Ludwig Zirner; Wergo 60 017, 27,– DM.

Freude am Experiment, daran, spielend Neues zu finden; Freude weiter am Grotesken, an der Verbindung von auf den ersten Blick Unvereinbarem; Freude auch darüber, zu verblüffen und jemanden in die Irre zu schicken; Freude vor allem aber am geistreichen Spiel, das war immer die Triebfeder für die Kompositionen Boris Blachers. Der 1903 in China geborene – seine Eltern stammten aus dem Baltikum –, seit 1922 in Berlin ansässige Komponist hat immer wieder die Techniken und Mittel der neuesten Musik aufgegriffen, hat sie alle ohne Scheu, aber auch ohne gleich ein Manifest aus ihnen abzuleiten, ausprobiert, ein unermüdlicher und phantasievoller Pragmatiker. So schrieb er 1943 drei kleine Klavierstücke und unternahm in ihnen einen der ersten Versuche, barocke Formprinzipien mit den Elementen des Jazz zu verbinden: „What about this, Mr. Clementi?“ (Muzio Clementi, 1752–1832, ist allen Klavierschülern seiner Sonatinen wegen verhaßt). Heute sieht man sie als amüsante kleine Spielereien an, als sie, noch vor Kriegsende, entstanden, waren sie Provokationen. 1965 wurden im Studio der Berliner TU die „elektronischen Impulse“ montiert, Ketten aus Sinustönen und gefiltertem Rauschen, die in der stereophonischen Lautsprechergruppe von links nach rechts und umgekehrt wandern, unkomplizierte Gebilde, wenn man sie mit den Arbeiten der großen Elektroniker Stockhausen, Eimert oder Pousseur vergleicht, kleine Bröckchen wohl, die bei den Arbeiten an der Oper „Zwischenfälle bei einer Notlandung“ vom Tisch fielen. Wichtigstes Werk dieser Platte: die „Abstrakte Oper Nr. 1“, ein siebenteiliges Stück ohne Inhalt, Szene ohne fortlaufendes Geschehen, poésie pure, frei kombinierte Silben und Laute, zu Affektkomplexen wie „Angst“, „Liebe“, „Schmerz“, „Verhandlung“ zusammengestellt („Libretto“: Werner Egk) und in Formen traditioneller Oper, als Arie, Duett oder Terzett vertont. Wichtig sind dieses Werk und die von Gerty Herzog-Blacher klar und überschaubar gespielte Klaviersonate (1951) für alle, die Blachers berühmt gewordene kompositionstechnische Erfindung, die „variablen Metren“ (etwa hier in den Folgen 3/8, 4/8, 5/8, 6/8, 5/8 ... oder 3/4 + 9/8, 2 × 3/4 + 9/8, 3 × 3/4 + 9/8... 9 X 3/4 + 9/8, 8 × 3/4 + 9/8 .. .) studieren wollen. Die „Abstrakte Oper“ ist life bei einer Aufführung durch eine amerikanische Universitätsgruppe aufgenommen, die Platte hat die ganze Spontaneität einer solchen Aufführung behalten; die szenischen Effekte allerdings, die das Publikum zuweilen mit Beifall quittiert, müssen unvollkommen im Bildteil der Einführungsbeilage nachgeliefert, besser: angedeutet werden. Wergo legt hier eine Platte vor, die den musikhistorisch interessierten Hörer angeht, die aber vor allem zeigt, wie das ernstgemeinte Experiment eine heitere Note bekommen kann, und halt damit den jungen, immer nur tiefernst und mit zerkniffener Stirn verfahrenden Experimentatoren der Neuen Musik ein Exempel und zugleich einen Spiegel vor. Heinz Josef Herbort