Von Ekkehart Krippendorff

Elie Abel: 13 Tage vor dem Dritten Weltkrieg. Dokumentation und Hintergründe der Krise, die die Welt an den Rand der atomaren Vernichtung führte. Aus dem Amerikanischen von Lucian Meysels. Verlag Fritz Molden, Wien. 296 Seiten, 19,80 DM.

Am 28. Oktober 1962, dem Tag, an dem die unheimlichste und bisher konkreteste nukleare Konfrontation zwischen den beiden Militärgiganten Sowjetunion und den Vereinigten Staaten beendet wurde, sah Präsident Kennedy voraus, daß eines Tages jemand ein Buch darüber schreiben würde mit dem Titel „Die Raketen des Oktober“ – denn rückblickend diskutierte er mit seinem Bruder ein Buch, das ihm als warnendes Beispiel ganz besonders während dieser dreizehn Tage gedient hatte: Barbara Tuchmans Darstellung des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, „Die Kanonen des August“. Abel hat dieses konzipierte Buch nicht eigentlich geschrieben, aber er hat die wohl für lange Zeit bestmögliche Chronologie jener dramatischen Tage zusammengestellt. Er hat mit nahezu allen führenden Amerikanern des engsten Kreises um Kennedy ausführlich gesprochen, Einsichten in bisher unveröffentlichte Dokumente gehabt und ist – im Unterschied etwa zu Sorensen und Schlesinger – unparteiischer und distanzierter. Dennoch ist dies in seiner Nüchternheit ein dank dem Stoff dramatisches Buch.

Die von Kennedy so dringend zu vermeidende Parallele zum Hineinschlittern in den August 1914 war in der Tat die größte reale Gefahr: daß die Vereinigten Staaten, nachdem die Installierung sowjetischer Raketen auf Kuba am 16. Oktober zur unbezweifelbaren Gewißheit geworden war, aktiv reagieren würden in Richtung auf deren Beseitigung, stand für alle Beteiligten absolut fest. Darüber gab es – von dem am meisten kompromißbereiten Stevenson bis hin zu den vereinigten Stabschefs – überhaupt keine Diskussion. Bei allen Aktionsvorschlägen jedoch war dieses das Hauptproblem: wieweit präjudiziert eine eingeschlagene Handlung den nächsten Schritt und wieweit hält sie Alternativen offen, die ein Entgleiten in den Dritten Weltkrieg verhindern? Daß es bisweilen vorkommen kann, daß ein verantwortlicher Staatsmann aus der Geschichte lernt, ist nicht das geringste Lob auf die Meisterschaft, mit der Kennedy diese Krise überwand, Übrigens kann man auch nicht umhin, seinem Bruder Robert – damals erst 37 Jahre alt – den größten Respekt zu zollen: er war es, der am entschiedensten von Anfang an sich gegen das von der Mehrheit der außenpolitischen und militärischen Führungsspitzen geforderte sofortige Bombardement aussprach und die gesamte Diskussion unterhalb der präsidentiellen Ebene zentral beherrschte: ein umgekehrtes, amerikanisches „Pearl Harbor“ widerspreche jeglicher amerikanischer Tradition und sei politisch ebenso wie moralisch für die Zukunft katastrophal.

In der Sache selbst kommt Abel zwar über das, was wir aus den Darstellungen Sorensens und Schlesingers kennen, nicht wesentlich hinaus, aber da er weniger persönliche Rücksichten zu nehmen hat, enthüllt er zahllose neue Einzelheiten, die einer künftigen umfassenden Analyse dieser einmaligen Krise von unschätzbarem Nutzen sein werden. Daß etwa die Stabschefs von Anfang an für härteste Gegenmaßnahmen waren, war bekannt; nicht jedoch, wie sehr es auf Messers Schneide stand, daß McNamara sich auch durchzusetzen vermochte gegenüber dem Leiter der Seeblockade, Admiral Anderson, der selbst die Frage „Versenkung sowjetischer Frachter oder nicht“ entscheiden wollte und damit unter Umständen die faktische Auslösung des großen Krieges verursacht hätte. Auch daß die zunächst genial erscheinende Entscheidung am 27. Oktober nur den Geheimbrief Chruschtschows vom Vortage positiv-überinterpretierend zu beantworten, den offiziellen vom selben Tage jedoch zu ignorieren, nicht von Robert Kennedy kam, sondern von einem sowjetischen Botschaftsangestellten über einen amerikanischen Journalisten dem Präsidenten nahegelegt worden war – ein Zug, der faktisch dann den Kompromiß möglich machte –, das erfahren wir mit aller geradezu skurrilen Dramatik in dieser Chronologie.

Unbestimmt bleibt jedoch nach wie vor – und sicher auch weiterhin bis zur Veröffentlichung sowjetischer Quellen oder Memoiren – welche Motive die Sowjetunion hatte zur Installierung der Raketen auf Kuba. Aber einige Andeutungen ergeben dennoch vorläufige und plausible Erklärungen. Wohl zu Recht weist Abel darauf hin, daß Chruschtschow nach seiner Begegnung mit Kennedy in Wien und nach seinem genauen Studium des Schweinebucht-Fiaskos die Entschlossenheit des jungen amerikanischen Präsidenten unterschätzte und daß er darum glaubte, ihm einiges zumuten zu können. Auch meint er, „daß der sowjetische Ministerpräsident das kubanische Raketenabenteuer schon aus rein wirtschaftlichen Gründen attraktiv fand. Es war zweifellos billiger, Mittelstreckenraketen nach Kuba zu verlegen, als ein neues interkontinentales Raketenprogramm einzuleiten, dessen Kosten sich auf Milliarden Rubel belaufen hätten“. Zumindest Chruschtschow nämlich und die sowjetische Generalität wußten, was der amerikanischen Führung damals jedenfalls nicht so deutlich war, daß die Sowjetunion erheblich im Rückstand war mit ihrer eigenen Raketenentwickung und insbesondere -abwehr.

Und schließlich gibt es noch ein ganz anderes Motiv, das man der Sowjetunion, die darauf immer wieder zurückkam, durchaus abnehmen kann: die tatsächliche Sorge um eine erneute amerikanische Aktion gegen Castro. Schließlich konnte die sowjetische Führung die von Kennedy gegenüber Adschubei wenige Monate zuvor gemachten Bemerkungen über Kuba – und einige uns bis heute unbekannte, aber von Castro angedeutete Daten von geplanten Geheimdienstoperationen – durchaus so auslegen, als stehe wieder eine und diesmal bestimmt „erfolgreiche“ Operation bevor (Abel erwähnt im übrigen wegen seiner journalistischen legitimen Verkürzung des Vorganges auf die dreizehn Tage diese Vorspiele nicht) – und diese Rechnung ging in der Tat auf: das von Chruschtschow verlangte und von Kennedy gegebene Nicht-Invasionsversprechen war sicher nicht nur eine gesichtswahrende Operation, als die sie auch hier weitgehend erscheint.