Von Uwe Nettelbeck

Was macht einer, der in Marburg, Freiburg und Frankfurt Rechtswissenschaft und Geschichte studiert, beide juristischen Staatsexamen abgelegt und den juristischen Doktortitel erworben hat, den aber die Rechtswissenschaft so langweilt, daß er. etwas ganz anderes machen will, wenn ihm eine Freundin rät, doch zum Film zu gehen? Alexander Kluge hat sich von Adorno einen Brief, schreiben lassen, an Fritz Lang, der damals, 1958, für Arthur Brauners CCC einen Film in Deutschland drehte: Der alte Herr zeigte sich entgegenkommend, Kluge durfte volontieren.

Was macht einer, der zum Film will und dem geraten wird, bei einer CCC-Produktion zu volontieren? Am dritten Tag, sagt Alexander Kluge, habe Fritz Lang aufgehört, Regie zu führen, und sich damit begnügt, herumzusitzen und die Dreharbeiten zu beaufsichtigen, weil Arthur Brauner grundsätzlich gegen ihn die Partei der unteren Mitarbeiter und des Architekten ergriffen und von Langs Qualitäten nichts gesehen habe: Kluge kam zwar dahinter, wie in Deutschland Filme gemacht werden, aber wie man Filme macht, das lernte er nicht. Am dritten Tag fing er an, seine Zeit zu nutzen, und schrieb in der CCC-Kantine Geschichten.

Was macht einer, der auf diese Weise zum Literaten wird, obwohl er Filme machen wollte? Alexander Kluge trat in Hellmut Beckers Anwaltspraxis ein und übte sich in der Kunst der kulturpolitischen Intrige: Er wurde zum Sprecher der Oberhausener, jener Gruppe, die versprach, endlich deutsche Filme zu machen, die etwas taugen; zäh und geduldig zog er die Fäden – daß das Kuratorium Junger Deutscher Film installiert wurde, war nicht zuletzt Kluges Verdienst.

Was macht einer, der weiß, daß er jahrelang auf seine Chance warten muß, einen langen Film zu drehen? Kluge veröffentlichte seine Geschichten, die "Lebensläufe", schrieb ein Buch über Stalingrad, "Schlachtbeschreibung", versuchte sich an kurzen Filmen, "Brutalität in Stein", "Lehrer im Wandel", "Porträt einer Bewährung", und wurde Dozent der Filmabteilung an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. In seine Münchner Wohnung stellte er sich einen Schneidetisch und ein Tonaufnahmegerät, mit seinen Schülern entwarf er Filmpartikel.

Dann kam das Kuratorium. Kluge verfaßte ein Drehbuch und reichte es ein, einmal beim Drehbuchprämienausschuß des Bundes, einmal beim Kuratorium: Im Herbst des vergangenen Jahres konnte er "Abschied von Gestern" produzieren, einen Film machen, wie er ihn machen wollte – sieben Jahre nach jenem dritten Tag, von dem an bei Fritz Lang nichts mehr zu lernen war.

Jetzt ist der Film fertig. Ein Verleiher hat sich gefunden, Constantin, und Luigi Chiarini, der ob seiner Strenge berüchtigte Direktor der Mostra Internationale d’Arte Cinematografica, hat Alexander Kluge eingeladen, seinen Film in Venedig zu zeigen – in wenigen Tagen wird "Abschied von Gestern" am Lido Premiere haben, in ein paar Wochen, so sieht es aus, auch in unseren Kinos.