Von Harry Valérien

Die Entwicklung ist beängstigend: Nach dem jüngsten Beschluß steht der argentinische Fußball in Zukunft unter Staatskontrolle; Trainer berühmter Mannschaften, die in England enttäuscht haben, halten sich wochenlang im Ausland auf, weil sie in ihrer Heimat um Haus und Leben fürchten müssen; General de Gaulle, so heißt es seit langem, habe seinen besten Sportlern befohlen, der Nation nur noch Ruhm und Ehre einzutragen; in Utrecht erzählte man sich bei den Schwimm-Europameisterschaften, auch General Franco verlange jetzt von seinen Talenten in sportlichen Wettkämpfen mehr Erfolge als bisher, jede notwendige Unterstützung dazu selbstverständlich vorausgesetzt. Die alten Parolen der Ostblockstaaten sind längst abgelöst von ungezählten Siegen „Verdienter Meister des Sports“.

Neu hingegen ist der bundesdeutsche Zug der Zeit: Wenn plötzlich Schwimmsportler des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) neben der Mannschaft aus Mitteldeutschland nicht mehr bestehen und nur mit Ach und Krach eine zweitklassige Medaille gewinnen, wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und der Kummer der Geschlagenen im Bier ertränkt. Doch damit nicht genug: Auf bundesdeutscher Seite wird das Fehlen von Kleiderbügeln, von Blumen und „sonstigem Schmuck“ in den Zimmern des Europa-Dorfes mit den viel zu schmalen Betten bemängelt. Niederländische Journalisten und Karikaturisten fanden ihre helle Freude an soviel Ärger. Oder sind das keine Sorgen? Offensichtlich ja, denn sonst hätte man im DSV unter den Aktiven nicht darüber abstimmen lassen, ob man im Dorf bleiben oder ausziehen wolle. Sie wollten eigentlich nicht, aber sie blieben. Gab es denn niemanden, der ein paar Tage vor dem Eintreffen der Mannschaft Kleiderbügel und Blumen, sonstigen Schmuck und ein bißchen Essen auf Vorrat kaufte? Holland muß weit und unsere Sprache dort nicht zu verstehen sein, erst recht nicht unsere Wünsche. Oder liegt der peinliche Ärger etwa an mangelndem Organisationstalent, Takt und Voraussicht?

Angesichts dieser Konfusion verloren selbst besonnene Männer den klaren Blick. So kam es gleich in den ersten Tagen zu Auseinandersetzungen innerhalb der Mannschaftsführung und den sonst hochgeschätzten Heimtrainern der Stars. Jeder wollte am liebsten seinen Mann in der Staffel sehen, nicht den eines anderen Vereins. Fragte man als Journalist den Verbandstrainer, wer heute oder morgen auf welchem Platz in der DSV-Staffel starten werde, so gab es häufig nur ein Achselzucken. Mit einem Wort: es fehlte der bestimmende Kopf, die beruhigende Hand. Kein Wunder, daß die Stimmung teilweise mies war, wie sich die Aktiven ausdrückten. Kummer und Bier müssen auch Kritikern zugesetzt haben. Sie wußten zwar, daß die DSV-Mannschaft nur durch Heike Hustede und die eine oder andere Staffel eine vage Medaillenchance besitzt.

Aber der überschwengliche Jubel im Lager der Sowjetunion und vor allem unter den Teilnehmern aus Mitteldeutschland ließ die Besonnenheit mehr und mehr schwinden. Vergessen war plötzlich die Serie der Autounfälle und deren Folgen; vergessen die Verletzungen von Klein, Küppers und Olaf von Schilling; vergessen anscheinend auch das nicht vorherzusehende Ende der Karriere von Gerhard Hetz, den gesundheitliche Gründe kurz vor diesen Europameisterschaften zur Aufgabe seiner hochgesteckten Pläne zwangen. Was wäre, so muß man der Fairneß halber doch fragen, aus dem Vorhaben der Schwimmer aus Rostock, Leipzig, Chemnitz und Ostberlin geworden, wenn sie etwa ohne Wiegand und mit angeschlagenen Schwimmern wie Gregor, Henninger und Katzur nach Utrecht hätten reisen müssen?

Nein, über die beklagenswerte Unfähigkeit mancher ehrenamtlicher Funktionäre darf selbst der Kritiker die Welle begeisternder Leistungssteigerungen nicht vergessen. Oder würde ein Leichtathlet nicht jubeln, wenn es ihm gelänge, mit 10,7 Sekunden gerade noch mitgenommen zu werden zu Europameisterschaften, dort dann im Vorlauf 10,5, im Zwischenlauf 10,3 und im Finale als Vierter gar 10,2 Sekunden zu laufen? Dieser Vergleich trifft auf den Brustschwimmer Willi Donners zu, der innerhalb von 36 Stunden den DSV-Rekord dreimal verbesserte und seitdem zur Weltklasse zählt. Doch der vierte Platz zählt nicht mehr. Auch fünf vierte Plätze können heute niemanden mehr von den Sitzen reißen. Über die 12 DSV-Rekorde, die im Rahmen der Meisterschaften aufgestellt worden sind, lächeln die meisten Kritiker – zu Unrecht, wie ich meine. Denn morgen schon können die großen Talente Donners, Kirschke, Meeuw, Kremer und Schornig eine Stufe höher stehen, weg von sogenannten undankbaren vierten Plätzen.

Doch die eigene Leistung wird, mehr denn je, an der Leistung des Gegners gemessen, zu allem Überfluß auch (und besonders) an der des politischen Gegners. Und Gegner ist, wer Medaillen erzwingt, wer gefeiert wird. Nicht mehr der Sportgeist entscheidet (den setzt die Welt in bestimmten Grenzen voraus); es ist das System, das entscheidet. Die Frage heißt deshalb nicht mehr: kann Schwimmen als Sport noch Hobby sein? Die Frage heißt vielmehr: Freiheit oder Kasernierung im Sport? Leistung nach Lust oder auf freundlichen Befehl?