Bundeswehr-Krise überdeckt Kanzler-Krise

Bonn, im September

Die Bonner Entscheidungsschlacht um Bundeskanzler Erhard ist ausgefallen. Was immer sich während der Ferienmonate an mißmutiger Kritik aufgestaut haben mochte, letzte Woche war es wie weggeblasen; es entlud sich nicht mit einem Knall, sondern endete in einem erstickten Stöhnen.

Ludwig Erhard hatte Glück im Unglück. Die aktuelle Führungskrise im Bundesverteidigungsministerium lenkte von der chronischen Führungskrise im Palais Schaumburg ab. Sie machte es leicht, den murrenden CDU-Leuten jeden Gedanken an Meuterei vorläufig auszutreiben; wer wollte schon auf der Kommandobrücke Streit anfangen, wenn im Kesselraum Feuer ausgebrochen ist? Und die rasche Neubesetzung der militärischen Spitzenposten gab dem Kanzler obendrein Gelegenheit, Entscheidungskraft und Entschlußfreudigkeit vorzutäuschen – jene Tugenden, die er zur gleichen Zeit bei der Haushaltsberatung so schmerzlich vermissen ließ.

Beruhigt fuhr Erhard danach nach Skandinavien, und Bonn versank noch einmal in Ferienlethargie, milde gestört nur durch vereinzelte Schußwechsel der Parteisprecher und die Vorbereitungen für die Sondersitzung des Verteidigungsausschusses. Das politische Leben der Bundeshauptstadt glich sich abermals dem kulturellen an, von dem der Veranstaltungskalender für diese Woche vermerkte: "Stadttheater: Sommerpause; Contrakreis: Sommerpause; Sonstige Veranstaltungen: Kirmes in Kessenich, Gastspiel Zirkus Sarrasani." Den Klarsichtigen freilich ist zumute wie jenem Geschäftsmann, der sich durch eine Hiobsbotschaft von der Börse nicht in seinem Mittagsschlaf stören lassen wollte, aber die Bemerkung nicht unterdrücken konnte: "Wie werde ich erschrecken, wenn ich erst aufwache!"

Nichtstun birgt keine Lösung – aber Nichtstun scheint derzeit in Bonn die Parole zu sein. Erhard bleibt Kanzler, ein Umbau des Kabinetts kommt vor dem Frühjahr kaum in Betracht, mit entschiedenen oder entscheidenden Initiativen ist in nächster Zeit nicht zu rechnen – dies das endgültige Resultat der jüngsten Ereignisse.

Erhard denkt nicht daran, das Kanzleramt zu räumen. Er fühlt sich auf vier volle Jahre gewählt; er betrachtet sich keineswegs als unzulänglich, und er sieht niemanden, der es besser machen könnte als er. Daher seine eindeutige Äußerung, er werde niemals einen Revers à la Adenauer unterschreiben und sich zum Kanzler auf Zeit degradieren lassen – womit denn alle Spekulationen hinfällig wären, er könne seinen 70. Geburtstag im kommenden Februar zum Anlaß nehmen, um sich allmählich aus der Politik zurückzuziehen. Und daher auch sein trotziges Wort vom Tegernsee: "Ich gebe nicht auf. Es gibt nur ein Mittel, mich aus dem Amt zu entfernen, das ist das konstruktive Mißtrauensvotum." Aber wer sollte schon dieses Mittel einsetzen?