Von Reimer Hansen

Walther von Schultzendorff: Proletarier und Prätorianer. Bürgerkriegssituationen aus der Frühzeit der Weimarer Republik. Markus-Verlag, Köln. 211 Seiten, 24,80 DM.

Die deutsche Novemberrevolution 1918 hat sich – im Unterschied zu den großen neuzeitlichen Revolutionen in England, Frankreich und Rußland – kein eigenes Heer geschaffen, Ebert folgte nicht dem Beispiel der englischen, französischen und sowjetischen Revolutionäre, die sich ihre eigenen Heere geschaffen hatten, sondern schloß sein Bündnis mit der kaiserlichen neuen Repräsentanten der Rechtsgewalt - als dem neuen Repräsentanten der Bereichsgewalt – nach dem Zusammenbruch der Monarchie zur Ver-

fügung gestellt hatte. Zugleich begannen sich

aber auch in den revolutionären Wirren Ende 1918 / Anfang 1919 und mit zunehmender Auflösung des kaiserlichen Heeres links und rechts dieses Bündnisses neue militante politische Gruppen zu formieren, die miteinander bitter verfeindet, aber in der Ablehnung der neuen demokratisch – republikanischen Staatsordnung einig waren: die Sozialrevolutionären Spartakisten und die reaktionär-anarchistischen Freikorps oder – in Anlehnung an einen Ausspruch Walther Rathenaus – Proletarier und Prätorianer. Sie haben durch Massenausschreitungen, Aufstände, Putschversuche, Mordanschläge und regionilen Bürgerkrieg während der ersten fünf Jahre der Weimarer Republik dazu beigetragen, daß sich die demokratische Staatsordnung nur schwer konsolidieren konnte.

Walther von Schultzendorff hat die bewegte Geschichte dieser fünf Jahre eindringlich und anschaulich dargestellt: die proletarischen Unruhen und Aufstände der Jahre 1918/1919, die über Berlin hinaus fast das gesamte Reichsgebiet erfaßten – den Kapp-Putsch der Prätorianer und die Reaktionen der Proletarier im Ruhrgebiet und in Thüringen – den Terror des kommunistischen Räuberhauptmanns Max Hoelz und seiner Banden – die politischen Mordanschläge rechtsradikaler Geheimbünde, denen die Reichsminister Erzberger und Rathenau zum Opfer fielen – und die Ereignisse während der Regierung Stresemann im Herbst 1923, die mit dem Buchdrucker-Putsch in Küstrin, dem Kommunistenaufstand in Hamburg, dem Konflikt des Reiches mit den Ländern Sachsen und Bayern und schließlich dem Hitler-Putsch den Höhepunkt und zugleich auch den Abschluß dieser fünfjährigen Krisenzeit markieren, in denen die innere Ordnung und die staatliche Einheit der jungen Republik von links wie von rechts mehrfach auf das schwerste bedroht waren.

Schultzendorff gibt über die bloße Darstellung hinaus auch eine neue historisch-politische Deutung jenes Geschehens. Die zentrale These seines Buches besagt, daß der jungen Republik während der Bürgerkriegssituationen des Jahres 1919 in den neuentstandenen Sicherheitswehren staatstreue demokratische Einheiten zur Verfügung gesunden hätten. Da diese Ansätze zur Bildung politisch zuverlässiger Truppenteile von Ebert und Noske jedoch nicht wirksam unterstützt worden seien, habe der Einfluß konservativer und rechtsradikaler Kräfte im Heer zunehmen können. Die zeitweilige Zusammenarbeit Noskes mit den Freikorps habe dann vollends dazu beigetragen, die Bildung eines republikanischen Heeres im Keim zu ersticken. Deshalb seien die Weichen für die spätere Entwicklung des Verhältnisses von Heer zu Republik nicht erst – wie vielfach angenommen – mit dem Kapp-Putsch gestellt worden, als Reichswehrminister Noske zusammen mit dem Chef der Heeresleitung, General Reinhardt, seinen Abschied nahm und „der nationalgesinnte, aber stets loyale Steckt“ an die Spitze der Heeresleitung trat, sondern bereits in diesem ersten entscheidenden Jahr der Weimarer Republik.