„Unser Unternehmen ist im Jahre 1964 in eine sehr schwere Krise geraten.“ Mit diesen Worten begann der Geschäftsbericht der Buntpapierfabrik AG, Aschaffenburg, für jenes Jahr. Im Jahre 1965 war es wohl nicht viel besser. Deswegen hatte „Aschbunt“ der zum 5. Oktober einberufenen Hauptversammlung auch bereits angekündigt, daß wegen der inzwischen auf 3,2 Millionen Mark aufgelaufenen Verluste eine Kapitalzusammenlegung im Verhältnis 8:1 (von gegenwärtig 4,1 Millionen Mark) erfolgen solle. Zur Sanierung soll dann anschließend das Kapital im Verhältnis 5:1 auf knapp 3,1 Millionen Mark wieder aufgestockt werden.

Wenn die Aktionäre Anfang Oktober zusammenkommen – Hauptaktionäre sind mit über 50 Prozent Anteil die Bayerische Staatsbank und die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank, sodann noch die Familie von Vorstandsmitglied Guido Dessauer – werden sie sich einer arg geschrumpften Gesellschaft gegenübersehen. Von der alten krisenumwitterten „Aschbunt“ ist dann nur noch die Papierfabrik Wildbad, eine kleine Fabrik zur Herstellung keramischer Abziehbilder, und die Beteiligung an der österreichischen Tochtergesellschaft übrig geblieben. Zusammen haben sie einen Umsatz von etwa 43 Millionen Mark.

Das Kernstück, allerdings auch das Sorgenkind, nämlich das Werk in Aschaffenburg, gehört seit dem 23. August der München-Dachauer Papierfabriken Heinrich Nicolaus GmbH, München. Der Sohn des Gründers, Karl Heinz Nicolaus, mit 37 Jahren ein noch jugendlicher Chef, griff entschlossen zu. Vor drei Jahren bereits kaufte die „MD“, die auch auf recht schwachen Füßen stehende Buntpapierfabrik Franz Dahlem + Co., Aschaffenburg; sie wird seither als MD-Werk Aschaffenburg betrieben und weist schon einen stattlichen Gewinn aus. Zur Abrundung dieses Betriebes – „im Schwänze des bayerischen Löwen“, erläuterte Nicolaus – wurden nun die Maschinen der Aschbunt gekauft, deren Gelände und Häuser gepachtet und zudem die A. Nees + Co. KG, Aschaffenburg, erworben – eine weitere Buntpapierfabrik.

Die drei sind zu der MD Papierveredelung GmbH, Aschaffenburg, zusammengefaßt worden. Wenn es nicht möglich gewesen wäre, jetzt alle drei Papierfabriken in Aschaffenburg zu vereinigen, betonte Nicolaus, hätte die ganze Transaktion nicht stattgefunden. Die MD Papierveredelung wird ein Kapital von 10 Millionen Mark haben, sie wird fast tausend Menschen beschäftigen und mit einem Jahresumsatz von rund 40 Millionen Mark beginnen. Karl Heinz Nicolaus wird damit eine Unternehmensgruppe regieren, die mehr als 200 Millionen Mark Jahresumsatz hat – die drittgrößten Papiermacher der Bundesrepublik.

Durch umfassende Rationalisierungsinvestitionen soll es gelingen, das vereinigte Aschaffenburger Unternehmen schon binnen kurzem aus den roten Zahlen herauszuholen. Die MD weist, obgleich bei ihr in den letzten zehn Jahren für etwa 100 Millionen Mark investiert wurden, in ihrer Bilanz keinen Pfennig Schulden aus. Auch nicht nach dem Kauf der Aschaffenburger Unternehmen. Das betonte Nicolaus.

Und auch Guido Dessauer, Chef der zusammengeschrumpften Aschbunt, fügte etwas gequält lächelnd hinzu: „Die Aktion ist doch sehr vernünftig, auch wir können nun unsere Verluste voll abdecken und verfügen über rentable Betriebe.“ bo