Maos rote Rowdys halten Strafgericht

Mozart soll hinfort nicht mehr gespielt werden in Maos Reich, aber auch nicht Schostakowitsch. Die Verkehrsampeln will man umdrehen – Rot bedeutet dann „Freie Fahrt“ – und nächtliche Neonreklamen bleiben reserviert für Mao-Zitate. Damenschuhe mit hohen Hacken werden verbannt, und ebenso Nachbildungen der Venus von Milo. Sonnenbrillen sind tabu, und Mädchen, die es wagen, Hosen von westlichbourgeoisem Schnitt zu tragen, beziehen Prügel.

Wie eine Gespensterarmee hat sich über Nacht die Rote Garde der chinesischen Teenager formiert. Sie hat die Städte Chinas in Tollhäuser verwandelt. Ihr besinnungsloses Wüten nimmt sich aus wie ein Veitstanz zur Verteidigung der Revolution.

Die „Große proletarische Kulturrevolution“ bedeutet, so hat es die Pekinger „Volkszeitung“ formuliert, „eine Kriegserklärung an die alte Welt“. Es ist die Rote Garde, die sich in die Bataille stürzt – gegen „Konterrevolutionäre, Kapitalisten und fremde Teufel“. Ihre Attacke prallt auf so verschiedene Objekte wie katholische Kirchen und sowjetische Botschaftsgebäude.

Ist es wirklich spontaner Volkszorn, der sich da Luft macht? Die prügelnden Rowdys mit den roten Armbinden – sind sie das Gewissen des neuen Chinas? Wenn es einen verlogenen Begriff in unserer modernen politischen Terminologie gibt, so ist es das Wort vom Volkszorn. Dahinter steckt nichts anderes als Aufpeitschung, Befehl, präzise Organisation. Daß dies auch für den Feldzug der Roten Garde gilt, dafür gibt es verläßliche Anhaltspunkte: Die Jugendlichen werden in Lastwagen nach Peking und in die anderen großen Städte befördert. Und zur großen Demonstration gegen die sowjetische Botschaft erhielten die ausländischen Zeitungskorrespondenten gedruckte Einladungen.

Die Explosion war kalkuliert

Kein Zweifel also, daß die Explosion kalkuliert war. Mao hat mit seiner Politik im Inneren wie im Äußeren Rückschläge erlitten. Was liegt näher, als Sündenböcke namhaft zu machen?