In den letzten Tagen sind wieder größere Posten deutscher Aktien aus den USA „heimgekehrt“. Die Amerikaner – hauptsächlich die dortigen Investment-Fonds – stoßen aber nicht nur ihre deutschen Effektenbestände ab, sondern trennen sich im verstärkten Maße jetzt auch von den internationalen holländischen Aktien wie Philips, Unilever und Royal Dutch), die in der zurückliegenden Woche neue, geradezu sensationelle Tiefstkurse erreicht haben. Das scheint in den Niederlanden das Bedürfnis ausgelöst zu haben, sich von ausländischen Aktien zu entlasten. Leidtragende dieser Entwicklung sind deutsche Wertpapiere, die nunmehr auch aus Holland zurückgegeben werden. Der holländische Verkaufsdrang wurde daneben mit Verlusten aus Kreditengagements begründet, die Exekutionen nach sich gezogen haben sollen.

Unter diesen Umständen hat sich der deutsche Aktienmarkt gut gehalten. Rückläufige Notierungen ließen sich zwar nicht vermeiden, aber auf der ermäßigten Kursbasis war die Aufnahmebereitschaft erstaunlich gut. Hier macht sich der Optimismus bemerkbar, mit dem man neuerdings in die Börsenzukunft des Jahres 1967 blickt. Es wird für möglich gehalten, daß der Prozeß der Gewinnschrumpfung (durch steigende Kosten und verlangsamten Umsatzanstieg) in einigen Branchen schon in diesem Jahr sein Ende finden wird.

Wichtigste Voraussetzung für eine durchgreifende Kursbesserung bei den Aktien ist aber eine Normalisierung des Rentenmarktes, von der wir gegenwärtig noch weit entfernt sind. Von einer Zinssenkung ist noch nichts zu spüren. Die Rentenanleger werden ihre Zurückhaltung beibehalten, solange sich nicht klar erkennen läßt, daß die öffentlichen Haushalte nur bei sparsamster Inanspruchnahme des Kapitalmarkt tes ausgeglichen werden können. Eher ist auch nicht mit einer Lockerung des Restriktionskurses der Bundesbank zu rechnen.

Zu einer Prüfung über die wirkliche Anlagebereitschaft des Publikums wird die Siemens-Kapitalerhöhung werden, die in diesem Monat durchgeführt werden wird. Sicher ist, daß ein großer Teil der ausländischen Aktionäre Bezugsrechte verkaufen wird und deshalb mit einer beträchtlichen Belastung des Siemens-Marktes zu rechnen ist. Andererseits – so ist zu hören – haben einige Banken umfangreiche Vorbereitungen für die Aufnahme nichtbezogener Siemens-Aktien getroffen, damit Kurszusammenbrüche, wie sie im Zusammenhang mit der Kapitalerhöhung bei Conti-Gummi auftraten, nach Möglichkeit vermieden werden.

Investment-Fonds sollen Mittel für den Bezug von Siemens-Aktien frei gemacht haben, teilweise über den Verkauf von Texaco-Wandelanleihen, deren Kurs von der Schwäche der Wall Street in den letzten Tagen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Mehr als die Hälfte der Texaco-Wandelanleihen, die im Tausch gegen Aktien der Deutschen Erdöl-AG ausgegeben worden sind, sollen bereits ins Ausland abgewandert sein, ein Umstand, der bei der Beurteilung unserer Zahlungsbilanz nicht übersehen werden sollte.

Die Aktien deutscher Ölgesellschaften tendierten uneinheitlich. Niemand vermag zu sagen, wie sich die von der Esso eingeleitete neue Benzinpreissenkung auf die ohnehin nicht rosige Ertragslage der deutschen Konzerne auswirken wird. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn die GBAG-Aktie in der letzten Woche einen neuen Tiefstand erreichte. Auch die Preussag-Aktie bröckelte ab. Der neue Aktionärsbrief hat deutlich gemacht, daß die Schatten in einigen Tätigkeitsbereichen der Gesellschaft merklich länger geworden sind. K. W.