Von Walter Steigner

Berlin

Die nachfolgende Geschichte ist wahr. Es geht in ihr nicht um Mord oder Totschlag, aber doch um das Schicksal von vier Menschen einer Familie im Westen Berlins. Ich fürchte, daß viele Geschichten dieser Art in unserem Staate passieren. Und nur deshalb wird sie hier wiedergegeben.

Da ist ein junger Mann – nennen wir ihn Zacharias –, 26 Jahre alt, schmächtig, ängstlich, höflich, nicht ungebildet. Zacharias, im Jahre 1940 geboren, hatte nicht sehr viel Glück in seinem Leben. Bei Kriegsende ist er fünf Jahre alt; sein Vater, Ingenieur, kommt nicht wieder und bleibt vermißt. Als Zacharias elf Jahre alt ist, verliert er auch noch seine Mutter, seine Großmutter übernimmt die Erziehung. Zacharias geht zur Schule bis zur 9. Klasse einer Oberschule praktischen Zweiges. Das Schlußzeugnis der Berufsschule, das Zacharias als Siebzehnjähriger erhält, ist ausreichend bis befriedigend. Zacharias wird zunächst Postjungbote, Postschaffner-Anwärter dann und Postschaffner. Doch auf diesem Wege eines kleinen gesicherten Beamtendaseins geht es nicht weiter. Zacharias hatte geheiratet; er ist knapp 21 Jahre alt, als sein erstes Kind geboren wird, ein Mädchen.

Die junge, zunächst also dreiköpfige Familie richtet sich in einer kleinen Wohnung ein. Es wird gekauft und gekauft, natürlich auf Abzahlung und auf Kredit. Kaufen ist so leicht, auch ohne nachzudenken. Je länger das dauert, um so falscher werden die Unterschriften, mit denen Zacharias bei Kreditgesuchen seine Schuldenfreiheit behauptet. Das kann nicht gutgehen. Jetzt sind es an die neuntausend Mark. Alles Anschaffungen. Sonst leben die Zacharias’ bescheiden.

Auf der Suche nach einem Ausweg hat Zacharias kein Glück. Er begeht keine Gewalttat, keinen Einbruchsdiebstahl, und er begeht auch nicht, wie sonst viele, die keinen Ausweg aus Abzahlungsgeschäften mehr finden, Selbstmord. Er glaubt, dem Schicksal ein Schnippchen schlagen und den Gläubigern entkommen zu können. Er, der Westberliner, meldet sich freiwillig zur Bundeswehr. Er ist mittlerweile 24 Jahre alt. Er tritt auch seinen Dienst an, in Lüneburg. Auf vier Jahre hat er sich verpflichtet.