Der Graben; der sich nach der Veröffentlichung der Ost-Denkschrift zwischen der evangelischen Kirche und dem Bund der Vertriebenen aufgetan hatte, ist nach den jüngsten Vorfällen in Berlin tiefer, wenn nicht gar unüberbrückbar geworden. Schon in ihrer Vorschau zum "Tag der Heimat 1966" hatten Vertriebenen-Sprecher angekündigt, von nun an würde, mit harten Bandagen gegen die "Neunmalklugen" gekämpft werden, die sich mit der Mauer, der deutschen Teilung und der Oder-Neiße-Grenze abfänden. Sie hatten die Kirche vor der Abfassung einer Friedensdenkschrift gewarnt, die 1968 vorliegen soll, und mit Unwillen die Wahl des Bremer Pfarrers Besch zum neuen EKD-Beauftragten für Vertriebenenfragen registriert. Am vergangenen Sonntag wurde dann in der Berliner Deutschlandhalle bei der Eröffnung der Heimattage deutlich, wie erregt die Geister sind.

Wieder polemisierte Verbandspräsident Jaksch gegen die EKD-Denkschrift, die das Heimatrecht in Frage, stelle. Wieder wurde der EKD-Ratsvorsitzende und Berlin-Brandenburger Bischof Scharf als Verleumder der Vertriebenen und falscher "Prophet" attackiert.

Wer nach dem Treffen der Kontrahenten im Januar dieses Jahres in Bad Boll und nach der Synodal-Erklärung zur Denkschrift vom März auf einen Klimawechsel gehofft hatte, mußte sich jetzt enttäuscht sehen. In Bad Boll war seinerzeit die Fortsetzung eines sachlichen Dialogs vereinbart worden. Und wirklich hat die Synode in ihrer Deklaration manche strittige Passage der Denkschrift erläutert und jeden Gedanken an bloßen Verzicht abgelehnt. Die Sprecher der Vertriebenen indessen achteten nicht darauf. Als brauchten sie für ihre Abwehr gegen Schröders Friedensoffensive einen Prügelknaben, richteten sie Kanonaden gegen Bischof Scharf.

So warfen sie dem EKD-Ratsvorsitzenden am "Tag der Heimat" vor, er habe in einer Rede nach dem letzten Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin behauptet, die Attentäter seien in den Kreisen radikaler Vertriebener zu suchen. Scharf hat dies niemals gesagt, wie Ohrenzeugen seiner Ansprache glaubwürdig versichern.

Wie steht es aber mit dem Vorwurf, der Bischof habe in einer Diskussion mit Berliner Schülern erklärt, er betrachte sich nach wie vor als "Bürger der DDR", sehe in der deutschen Teilung ein "Gottesgericht" und glaube, daß man auch in einem totalitären Regime, ein Christ sein könne?

Scharf, der in Ostberlin wohnte, würde von den DDR-Behörden an seiner Rückkehr gehindert; ausgewiesen wurde er nicht. Wohl zu Recht darf er sich also einen "Bürger der DDR" nennen. Und was soll daran schimpflich sein, zumal für einen Bischof, der auch für die Berliner und Brandenburger Gemeinden jenseits der Mauer gewählt wurde? Daß Menschen auch in einer Diktatur als Christen leben können, dafür gibt es nicht nur aus der jüngsten deutschen Vergangenheit Beispiele. Religiöses Zeugnis hat nichts mit der Staatsform zu tun. Gerade in Zeiten der Anfechtung und Unterdrückung hat religiöse Überzeugung noch stets an Kraft gewonnen, hat auch die Kirche ihre Stärke bewiesen. Wer könnte das im Ernst bezweifeln?

Umstritten ist indes nach wie vor der Begriff des "Gottesgerichtes", der auch in der Denkschrift auftaucht und gegen den selbst wohlmeinende Kritiker Einwände erhoben. Dabei wird aber meist übersehen, daß es sich um ein theologisch-seelsorgerliches Votum handelt, nicht um ein moralisch, politisches Urteil, das sich propagandistisch auswerten läßt. Auch für Scharf gilt das Wort vom "Gottesgericht" nicht im politischen Bereich und soll keine politischen Tatsachen schaffen. Es geht ihm um geistliche Interpretation. Von einem fatalistischen Verzicht auf die Ostgebiete, von gleichgültiger Duldung der Mauer kann also keine Rede sein.