Die Ölimporte gefährden die Zahlungsbilanz nicht

Bei den Auseinandersetzungen um die richtige energiepolitische Konzeption wird häufig die Befürchtung geäußert, die steigenden Energieimporte könnten die Zahlungsbilanz der Bundesrepublik bedrohlich gefährden. Nicht selten wird hiermit die Behauptung gekoppelt, daß die Energiekosten für die Produktivität unserer Volkswirtschaft und besonders für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie nur eine untergeordnete Rolle spielten. Man meint daher, daß es langfristig besser sei, durch Drosselung der Energie-Importe (insbesondere der Ölimporte) Devisen einzusparen, um damit Handels- und Zahlungsbilanz zu entlasten. Die ungünstige Entwicklung der deutschen Zahlungsbilanz im vergangenen Jahr hat dieser Auffassung neue Nahrung gegeben.

Die Entwicklung der Zahlungsbilanz war in den letzten Jahren deutlich von Handelsbilanzüberschüssen geprägt. Im Durchschnitt der Jahre 1960 bis 1964 lagen sie bei rund fünf Milliarden Mark. 1965 war auf Grund der konjunkturellen Anspannung im Inland, die zu einer starken Nachfrage nach Auslandsgütern führte und einen deutlichen Importsog hervorrief, eine merkliche Verringerung des Handelsbilanzüberschusses auf 1,2 Milliarden Mark zu verzeichnen. Der Überschuß in der Warenhandelsbilanz reichte im vergangenen Jahr nicht mehr aus, die Defizite in der Dienstleistungsbilanz und in der Bilanz der unentgeltlichen Leistungen auszugleichen, so daß trotz der Überschüsse in der Kapitalbilanz die Devisenbilanz mit einem Defizit von 1,5 Milliarden Mark abschloß.

Da auch künftig kaum mit Überschüssen in der Dienstleistungsbilanz und der Bilanz der unentgeltlichen Leistungen zu rechnen ist, ist ein ausreichender Handelsbilanzüberschuß erforderlich, um langfristig die gesamte Zahlungsbilanz im Gleichgewicht zu halten. Eine Grundvoraussetzung hierfür ist die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Das falsche Rezept

Steigende Kosten und Preise sind aber eine ernste Bedrohung für unsere Wettbewerbsfähigkeit und damit auch für den Ausgleich der Zahlungsbilanz. Die Zahlungsbilanz dadurch auszugleichen, daß der Import preiswerter Energien gedrosselt wird, ist ein Versuch mit dem untauglichsten Mittel. In Wirklichkeit liegt der Zusammenhang genau umgekehrt: Nicht Drosselung der Energieimporte und damit Gefährdung einer preisgünstigen Energieversorgung, sondern nur wirtschaftliche Energieeinfuhren in dem tatsächlich erforderlichen Ausmaß dürften unser Land auf die Dauer in die Lage versetzen, mit Ländern niedrigerer Energiekosten zu konkurrieren und damit für einen Zahlungsbilanzausgleich zu sorgen.

1965 erreichte die Netto-Energieeinfuhr 33,5 Prozent des Primärenergieverbrauchs, Angesichts des ständig steigenden Energiebedarfs sind die heimischen Energieträger alleine nicht in der Lage, die benötigten Energiemengen zu wirtschaftlichen Bedingungen zur Verfügung zu stellen. An der Energieversorgung der Bundesrepublik müssen in Zukunft in zunehmendem Maße importierte Energien beteiligt sein. Im übrigen zeigt ein Blick über die Grenzen, daß auch bei unseren westeuropäischen Nachbarn zunehmend Importenergien zum Einsatz gelangen. Verglichen mit den anderen EWG-Staaten ist der Anteil der Netto-Energie-Einfuhren am gesamten Primärenergieverbrauch in der Bundesrepublik am niedrigsten. Dementsprechend sind die Devisenaufwendungen für Mineralölimporte in der Bundesrepublik, gemessen an den gesamten Einfuhren, bisher geringer als in anderen westeuropäischen Ländern. 1964 machten sie nur 8,3 Prozent der Gesamtimporte aus, verglichen mit fast 11 Prozent in Großbritannien, fast 11 Prozent in Frankreich, fast 12 Prozent in Italien und neun Prozent in den Niederlanden.