Fünfhunderttausend Chinesen demonstrierten Anfang dieser Woche vor der sowjetischen Botschaft in Peking. Ihre „antirevisionistischen“ Parolen wurden den Angehörigen der Botschaft mit ohrenbetäubendem Lärm eingehämmert: Ein Heer von Lautsprechern verstärkte das Dröhnen der Kesselpauken und Blechkapellen.

Die Massenkundgebungen waren die Antwort auf einen geharnischten Protest der Sowjetunion, die der Volksrepublik China eine direkte Völkerrechtsverletzung vorgeworfen hatte. Halbstarke Rotgardisten hatten nämlich dem sowjetischen Geschäftsträger den Weg zum Flugplatz versperrt, indem sie ein riesiges Mao-Porträt quer über die Straße stellten. Die Sowjetdiplomaten wurden überdies beschimpft („Wir werden euch alle beerdigen“). Während der neuen Kundgebungen achteten die chinesischen Behörden jedoch auf die Disziplin der Massen. Einige hundert Soldaten beschützten das Botschaftsgebäude.

Die Sowjetunion ist eine der Zielscheiben für die sogenannte Kulturrevolution der Roten Garden, die in den chinesischen Städten die Herrschaft auf den Straßen an sich gerissen haben. Als Verbündete der sowjetischen Revisionisten gelten die westlichen Bourgeoisien. Außenminister Tschen Ji hat im Gespräch mit japanischen Sozialisten eines der Motive für die neue Kampagne enthüllt: Peking unterstellt der Sowjetunion, sie hoffe auf einen Vernichtungskrieg der USA gegen China. Die chinesischen Führer halten diesen Krieg ohnehin für unvermeidlich und wollen daher das Volk psychologisch darauf vorbereiten. Zuvor sollen alle Feinde der Revolution ausgesondert oder eingeschüchtert werden.

Die roten „Teenager-Kommandos“ machten nicht viel Federlesens: Sie stürmten die Wohnungen begüterter Chinesen, zerschlugen die Fenster, warfen Möbel und Juwelen auf die Straßen und zwangen die Bewohner zum Straßenkehren. Männer mit langen Haaren wurden kahlgeschoren, Frauen die Stöckelschuhe ausgezogen, lange Damenhosen zu Shorts zusammengeschnitten. Auf dem katholischen Dom in Peking wurde die rote Fahne gehißt; eine überlebensgroße Mao-Büste, garniert mit roten Fahnen,’ wurde in einer protestantischen Kirche untergebracht.

Nach den Kirchen kamen die noch existierenden acht nichtkommunistischen Splitterparteien an die Reihe. Einige beschlossen sofort ihre Selbstauflösung.

An verschiedenen Stellen stießen die Rotgardisten jedoch auf Widerstand. Etliche wurden sogar im Handgemenge getötet. Prompt wurden Tribunale eingesetzt, die im Handumdrehen verdächtige „Bürgerliche und Kapitalisten“ öffentlich aburteilten.

Erst nach einer Woche nahm die Partei ihre Sturmkommandos an die Leine. Nunmehr wurden die jugendlichen Fanatiker, die eben noch Kirchen, Museen und Buchhandlungen plündern und Bücher verbrennen durften, zur soldatischen Disziplin aufgerufen. Offiziell wird die chinesische „Kristallnacht“ als Vorläufer einer großen politischen und wirtschaftlichen Revolution eingestuft.

Erfinder der „Roten Garden“, einerradikal-revolutionären Elite von Arbeiter- und Bauernkindern, ist niemand anders als Mao selber. Er gab übrigens sein Debüt als Politiker 1919 als Organisator von Jugenddemonstrationen gegen japanische Forderungen. Bei der Massenkundgebung am 18. August 1966 in Peking trug Mao die rote Armbinde der Teenager-Revolutionäre.