Von Jürgen Peter Ravens

Kloster Lüne am nördlichen Stadtrand von Lüneburg hat eine Woche lang seine kostbaren mittelalterlichen Bilderteppiche gezeigt, die zu den wertvollsten Kunstschätzen Niedersachsens zählen. Die Ausstellung zog viele Besucher an. In diesem Jahr verleiht im übrigen der hundertste Geburtstag von Hermann Löns (29. August) der Saison in der Lüneburger Heide einen besonderen Akzent. Im Kloster freilich nimmt man keine Notiz davon.

Es ist elf Uhr. Siebenundzwanzigmal wird die Glocke läuten. Dreimal muß sie im Dachreiter auf der Klosterkirche die neun Bitten des Vaterunsers schlagen. Die adelige Dame des Stifts Lüne beugt sich nach vorn, wenn sie das schwere Tau zieht. Die Glocke läutet zur nahgelegenen Stadt Lüneburg hinüber und in die blühende Heide hinein. Wenn sie in die Heide hineinläutet, so läutet sie in den Fremdenverkehr hinein, der noch stärker blüht als die Heide. Während die Heide von Jahr zu Jahr weniger wird, wird der Fremdenverkehr in der Heide von Jahr zu Jahr mehr.

Siebenundzwanzigmal Ziehen, das dauert lange. Im Augenblick ist die Führung durchs Kloster unterbrochen. Während der ersten drei Schläge hat die akkurate Dame aus altem niedersächsischem Adel noch rasche Erklärungen darüber gegeben, wann die Betglocke geläutet wird. Für die folgenden vierundzwanzig Schläge schweigt sie.

Der Mittag kommt. Die Sonne zum Braunwerden kommt. Reichlich Glanz liegt über der Heide. Aber Kloster Lüne gibt tiefen Schatten, den Schatten vielhundertjähriger Geschichte. Und nun die Teppiche, die in den Jahren 1492 bis 1508 entstanden – damals, als das Kloster noch katholisch war und den Benediktinerinnen gehörte!

Sieben Benediktinerinnen haben sechzehn Jahre lang vier große Teppiche, einen kleinen und dann noch sieben Banklaken gestickt. Niedersächsischer Klosterstich – er ist hochberühmt, ist eine kunstgeschichtliche Sehenswürdigkeit erster Güte und entsteht übrigens folgendermaßen: Man legt bunte Wollfäden auf Leinen und zieht sie mit feinen Überfangstichen auf dem Untergrund fest. Legt man die Fäden dicht genug, erhält man homogene farbige Flächen. Das ist die ganze Kunst. Diese Kunst ist in erster Linie zeitraubend, sofern man die richtigen Vorlagen hat. Aber die hatten die Nonnen aus Codices oder von Künstlerhand; insoweit wollte die Führerin sich nicht festlegen. Lediglich an den Rändern der Teppiche und Banklaken scheinen die Nonnen ihre Stickerei selbst entworfen zu haben.