Von K. H. Kramberg

Der Ganzleineneinband, von Wolf Vostell in Graublau, Rot (Rouge) und etwas giftigem Gelb gehalten, lockt vorderseits mit einem geschminkten Mund, der sein Inneres (Zähne!) entblößt, und hinterrücks mit einem einzigen, ebenfalls offenbar weiblichen Auge, dessen Pupille mich anstarrt. Den Untergrund bildet ein grob gerastertes Großstadtphoto. Eine Komposition im modisch manierlichen Pop-Art-Geschmack und im ganzen nicht unattraktiv – „irre schick“.

Da müßte es doch mit diesem und jenem zugehen, wenn dieses Buch –

Stephen Schneck: „Der Nachtportier oder dessen völlig wahre Beichte“ (Originaltitel: „The Night Clerk“), Roman, aus dem Amerikanischen von Uwe Friesel; Rowohlt Verlag, Reinbek; 256 S., 22,– DM

– kein Geschäft wird, zumal sich der Eigentümer beim Einkauf verpflichtet, es verschlossen aufzubewahren, es weder auszuleihen und so weiter. Der Autor, 1933 in New York geboren, hat (lese ich auf dem Ultraphan-Umschlag) nicht nur in Havanna und San Francisco gelebt, sondern gelegentlich gar in Mexiko Pferde gezüchtet. Außerdem wurde Schneck für diesen Roman 1965 durch den Prix Formentor genobelt. Wohin sein „Nachtportier“ rein literarisch gehört, weiß ich (das Zitierte auf der zweiten Innenklappe im Auge) gleichfalls schon vor der Lektüre: so ungefähr zwischen den großen James Joyce und die kleine Lolita, den Supermann und den Pop.

Der Titelheld Plag (er heißt Plag, Spenser Plag) ist zeit-räumlich anwesend in den Stunden, von denen der deutsche Volksmund glauben machte, daß alle Katzen grau darin werden, in der Downtown von San Francisco, wo nicht einer anderen Tiefstadt (darauf kommt es nicht an), in einem Rollstuhl, hinter einem Tresen (was laut Petris Fremdwörterbuch, Leipzig 1887, in der Kaufmannssprache so viel wie Ladentisch, hier wohl mehr Portiersloge heißt), in der Empfangshalle also eines unerhört weitläufigen Gebäudes, dessen nähere und allgemeinere Bestimmung derjenigen gleicht, die der Seemann Kuddeldaddeldu meinte, als er sich per Vogel Rock bald in dieses Bordell, bald in jenes Hotel tragen ließ.

Plags Körperlichkeit wird nach Gewichten taxierbar, die zwar stets wechseln und im Laufe der Nacht die 570-Pfund-Grenze kaum überschreiten, ihm aber gleichwohl den Titel des vorläufig dicksten Romanhelden unserer Zeit bis zur Stunde noch sichern. Der Kopf dieses Leibes ist nackt, beraubt seines Haarkleids, und äußerlich scheint er ganz ruhig. Doch was sich drinnen abspielt, macht immerhin gute 250 Druckseiten voll – eine enzephalomechanische Operation, die der Autor vorwiegend mit dem terminus technicus „Magik“ mehr vage umschreibt als exakt definiert, weshalb zur Beruhigung des lesenden Amateurs, der sich verpflichtet, sein achtzehntes Lebensjahr überstanden zu haben, auch unsererseits mitgeteilt werden soll, daß die Objekte der Plagschen Imagination den heutzutage jedem Kinde wohlvertrauten Normen sexueller Psychopathie kaum je enteilen, ein Tatbestand, den Plag selbst gelegentlich als Folge seiner Drüsenstörung interpretiert.