Die Aktie der Deutschen Lufthansa AG, Köln, macht ihrem Ruf, das Spekulationspapier des Jahres 1966 zu sein, alle Ehre. Allerdings scheinen die Schönwetter-Zeiten für ihre Besitzer vorerst vorüber zu sein. Innerhalb kurzer Zeit erlitt das Papier einen Wertschwund von rund 25 Prozent. Der Druck auf den Kurs wurde durch Verkäufe aus amerikanischem Besitz ausgelöst. Wie Sie sich vielleicht erinnern, meine verehrten Leser, sind schon vor Beginn der offiziellen Zeichnung und erst recht vor Beginn der Zuteilung der Papiere Millionen-Posten an Lufthansa-Aktien ins Ausland gegangen. Damals allerdings nur auf dem Papier, denn mit dem effektiven Export mußte gewartet werden, bis genügend Zeichner bereit waren, sich von ihren Aktien zu trennen – natürlich zu einem entsprechenden Aufpreis.

Die Börsengeschichte der Lufthansa-Aktie begann mit einem Irrtum. Als nämlich im vergangenen Jahr verkündet wurde, auch private Zeichner könnten sich an der damals geplanten Kapitalerhöhung um 150 auf 400 Millionen Mark beteiligen, ging die Verwaltung davon aus, daß sich ernsthafte Zeichner für diese Papiere nicht finden würden.

Diese Fehleinschätzung ist verzeihlich, denn bis dahin war der Vorstand „mit dem Hut in der Hand“ im Lande herumgereist, um Geldgeber für das Unternehmen zu finden. Da die Lufthansa-Aktien seit Gründung des Unternehmens im Jahre 1953 dividendenlos geblieben waren und Zusagen hinsichtlich einer Ausschüttung nicht gemacht werden konnten, war das Interesse für Lufthansa-Aktien gleich Null. Mit Mühe und Not hatte man das Land Nordrhein-Westfalen zur Zeichnung von 3,6 Prozent des damaligen Kapitals gewinnen können, 3 Prozent übernahm die Kreditanstalt für Wiederaufbau (also indirekt der Bund), weitere 3,9 Prozent wurden von anderen Stellen, meist mit der Lufthansa in Geschäftsbeziehungen stehend, übernommen. Großaktionär mit 89,5 Prozent war der Bund, der in der Vergangenheit bei der Lufthansa oftmals Rettungsengel spielen mußte.

Als nun im vergangenen Jahr „leichthin“ auch private Zeichner bei der Lufthansa-Kapitalerhöhung zugelassen wurden, sah sich die Verwaltung einem wahren Zeichnungssturm gegenüber. Es lagen Bewerbungen über 300 Millionen Mark Aktien vor. Man hätte also fast die gesamte Gesellschaft privatisieren können. Doch der Bund glaubte, auf einer Dreiviertelmehrheit bestehen zu müssen. Jeder Zeichner bekam deshalb höchstens zwei Lufthansa-Aktien im Nennwert von je 1000 Mark zugeteilt. Mit reichlich 74 Prozent ist die Bundesrepublik Deutschland nach wie vor der größte Aktionär, insgesamt befinden sich noch 82 Prozent des Grundkapitals im Besitz der öffentlichen Hand, das heißt rund 328 Millionen Mark.

Für die überraschend hohe Nachfrage nach Lufthansa-Aktien gab es zwei Gründe. Im Vordergrund stand die Hausse der internationalen Fluggesellschaften, die sich im vergangenen Jahr in voller Blüte befand und die bis vor wenigen Monaten andauerte. Die Luftverkehrsgesellschaften wurden von den internationalen Anlageexperten zu Wachstumsunternehmen erklärt. Diese Feststellung ist ohne Zweifel richtig, denn dem Luftverkehr gehört die Zukunft. Dennoch scheint wegen der bei Luftverkehrsunternehmen erfahrungsgemäß stark schwankenden Gewinnentwicklung stets eine gewisse Vorsicht am Platz zu sein. Das wurde bei der Hausse in diesen Papieren nicht genügend berücksichtigt. Deshalb sind die jetzigen Kurskorrekturen, die bei Luftverkehrs-Aktien vorgenommen werden, keine Überraschung.

Der zweite Grund für die verhältnismäßig lebhafte Nachfrage nach jungen Lufthansa-Aktien war der Zeichnungskurs von 100 Prozent. Zur gleichen Zeit mußte man nämlich für die holländische KLM-Aktie 250 Prozent zahlen, obwohl auch dieses Unternehmen bis dahin mit roten Zahlen gearbeitet hatte. KLM und Lufthansa erreichten erst 1965 die Gewinnzone.

Als der Lufthansa-Kurs schon vor der offiziellen Zeichnung auf 200 Prozent zu klettern begann, geriet die Bundesregierung in eine peinliche Situation. Die Gegner der Lufthansa-Teilprivatisierung sprachen im Zusammenhang mit dem Zeichnungskurs von 100 Prozent von „Verschleuderung staatlichen Vermögens“ und drohten mit dem Bundesrechnungshof. Also mußte die Regierung durch Gutachten beweisen, daß in der Lufthansa nicht viel mehr als 100 Prozent „drin“ ist. Eine nachträgliche Heraufsetzung des Zeichnungskurses konnte man nicht wagen, um nicht den kleinen Rest an Ansehen zu verlieren, der in internationalen Finanzkreisen nach Einführung der Kuponsteuer für die Bundesrepublik noch übrig geblieben ist. Das Gutachten wurde vorgelegt, mehrfach ist darauf aufmerksam gemacht worden, daß Kurse von 150 bis 200 Prozent spekulativ bedingt und weder in der gegenwärtigen Ertragslage noch in dem Substanzwert der Gesellschaft begründet seien.