Die Woche war traurig, das Programm desolat, man wiederholte munter drauflos und gab statt interessanter Novitäten alte Filme zum Besten, hier La Spiaggia, dort Der Stern von Afrika, hier Der Teufel spielt Balalaika, dort Du stirbst um elf. Schwanke und Schnurren regierten die Stunde, Onkel Lou machte Witzchen, und der Komödienstadel machte sie auch.

Unter solchen Aspekten erschien das Rolandsche Stahlnetz, sauber konstruiert, sehr moralisch, die Polizisten, unterbezahlte Überstundenmacher und sympathische Kaffeetrinker, als wahre Freunde und Helfer beschwörend, wie ein leuchtender Gipfel. Ein Jammer nur, daß Roland nicht auf seine stereotypen Großfahndungsszenen am Ende verzichtet, eine viertelstündige Schneejagd, so lang kam’s mir vor, ist wirklich des Guten zuviel, und der Betrachter fragt sich, ob es tatsächlich notwendig ist, daß das Finale immer derart monoton ausfällt. Kuck schon gar nich mehr hin, sagt man in Hamburg, und wahrlich, es macht nicht sehr viel aus, ob die Jagd per Auto, Flugzeug oder Ski vor sich geht, ob den Verbrecher in einer Schneewächte oder in einer Fabrikhalle sein Schicksal ereilt.

Roland, so scheint es, ist während des Schlusses schon dabei, die nächste Sendung vorzubereiten, und überläßt das Kurbeln seinem Regieassistenten. Der führt den Streifen dann mit jenem Einfallsreichtum zu Ende, der Verfasser von Chirurgenromanen charakterisiert: „Noch mal Kampfer“, „Puls nicht mehr hörbar“, „Massieren Sie weiter“, „Herz steht still“, „Geben Sie Adrenalin“.

So blieb denn am Ende, nehmt alles in allem, ein spitz-präziser Kommentar von Günter Gaus, Erhards Versagen und Hassels Debakel analysierend; so blieben ein paar Bilder Mussolinis, der Duce, ein faschistischer Mao, beim Schwimmen; so blieben, vor allem, Aufnahmen Francos: Ein böser alter Mann, glatzköpfig, mit pomadisiertem Haarkranz im Nacken, das Augenlid zuckend, das Lächeln grimmig wieder einsammelnd, das die vor ihm einherschreitende Gattin mit Anmut verstreute, kein Sancho Pansa (wie es in der vorzüglichen Spanien-Sendung Dieter Kronzuckers hieß), sondern ein Nachfahr der Habsburger Kaiser, einsam, überdrüssig der Gesellschaft, die Menschen verachtend, so sah er aus ... ein Greis, der nach spanischer Sitte lieber mit Fischen als mit Untertanen spricht, ein fritzischer Grande, bleib er mir vom Leibe, Kerl, ein klerikaler Kurzbein, der immer noch, obwohl sich die Welt ringsum rapide verändert, die alten Rituale abspulen läßt, die Infanterieschüler küssen die Fahne, die Helden vom Alcazar schauen zu, der Führer der Blauen Division trägt mit Stolz die Eisernen Kreuze. Wie ein düsterer Freudscher Archetypus präsentierte er sich auf dem Bildschirm, dieser Franco mit der Goldkette oder der Angelrute, kalt, zelebrierend und gnadenlos, ein Mann, der seine Leutnants, seine eisenbahn- und bergwerksreichen Jesuiten, seine Nonnen und Syndikalisten an sich vorbeiziehen läßt, ein Inbegriff der starren Traditionen, Halskrause, Fahnenkuß und Oblate, ein Caudillo aus Stein, dessen Amt es ist, bei der Besetzung von Bischofssitzen mitzureden und die Arbeiter so klein wie möglich zu halten. Charles de Gaulle sieht, mit diesem Mann verglichen, wie ein freundlicher Gottvater aus, denn schon die Länge läßt ihn menschlich sein.

Auf dem Bildschirm jedenfalls. Momo