Just am gleichen Ort passierte es vor einigen Jahren, daß in der Hauptversammlung eines bedeutenden Ruhrkonzerns die Worte von den „revierfremden Elementen“ fielen, mit unüberhörbar ärgerlichem Abscheu gegenüber etwaigen Eindringlingen in die Managermonopole der Montanherren an Rhein und Ruhr. Nicht aus dem Revier zu kommen und dennoch „mitmischen“ zu wollen –, das war damals in den Augen der Gralshüter von Kohle und Stahl eine eindeutige Disqualifikation, eine geradezu frevelhafte Anmaßung...

Es gibt solche Meinungen noch heute, sie sind allerdings weniger offen zu hören. Dennoch mag es durchaus zutreffen, das alte Ressentiments hier und da wieder aufkamen, als sich Berthold Beitz, der Generalbevollmächtigte des Krupp-Konzerns, in der vergangenen Woche anschickte, die letzte Sprosse auf der Stufenleiter des Ruhr-Establishment zu erklimmen. Im Essener Saalbau – der sich nicht nur für Hauptversammlungen der Montanindustrie, sondern auch für den Essener Karneval sowie für festliche Großveranstaltungen des Ruhrbergbaus bestens empfohlen hält –, rollte die erste Aktionärsversammlung der Friedr. Krupp Hüttenwerke AG ab. Aufsichtsratsvorsitzer Beitz gab nicht nur sein persönliches Debüt als Hauptversammlungsleiter einer Publikumsgesellschaft, sondern er gab zugleich seinen Einstand in den Kreis der „Offiziellen“ der deutschen Montanwirtschaft.

Die Palette des smarten Krupp-Regenten hat einen neuen Farbtupfer erhalten, er gehört nunmehr auch zu den legitimierten Sprechern von Kohle und Stahl: die Metamorphose eines ehemals „Revierfremden“. Sein unverkennbar norddeutscher Akzent ist heute fast das einzige Indiz dafür, daß nicht bereits der kleine Berthold Beitz mit dem Wasser der Ruhr getauft wurde.

Seine Antrittsrede im Essener Saalbau, in der Hauptversammlung der jüngsten Publikumsgesellschaft der deutschen Schwerindustrie, war durch und durch „montanbewußt“, es war einmal mehr die Stimme des Reviers zu hören! „Die deutsche Stahlindustrie bekennt sich zwar“, so sagte Beitz, „zu einem fairen und offenen Wettbewerb, sie kann indessen nicht in Konkurrenz mit Industrien anderer Länder bestehen, die auf vielfältige Weise staatlich gefördert werden... Auf dem deutschen Stahlmarkt konkurrieren vielfach nicht mehr Produkte, sondern Subventionen. Billigere Energiequellen, steuerliche Vorteile und staatliche Kredithilfen bestimmen die Marktchancen oft mehr als Leistung und Qualität.“

Beitz forderte nachdrücklich die Wettbewerbsgleichheit für den an der Ruhr erzeugten Stahl. Wie schon vor ihm der Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl, Thyssen-Chef Hans-Günther Sohl, so wies jetzt auch Beitz auf die akute Gefahr hin, daß „die Produktion von Stahl anderen Ländern überlassen werden müßte, während die deutsche Industrie auf die Weiterverarbeitung beschränkt bliebe“.

Zur Situation im Bergbau hieß es, daß noch immer zu viel Kohle gefördert werde. „Ich halte“, so sagte Beitz wörtlich, „eine drastische Verringerung der Förderkapazität des deutschen Steinkohlenbergbaus für erforderlich. Wir sollten uns deshalb auf eine Kapazität verständigen, die auf der Grundlage langfristig gesicherter Absatzmöglichkeiten festzulegen ist.“ In diesem Ausmaß müßte dann der Staat die Sicherheit des Steinkohlenbergbaus „mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln“ gewährleisten.

Fünfhundert Aktionäre waren nach Essen gekommen, um die erste Hauptversammlung zu erleben, die im Zeichen der drei ineinander verschlungenen Ringe – Firmensymbol des Hauses Krupp – stattfand. Noch nie zuvor hat es Kleinaktionäre bei einem Unternehmen gegeben, daß nicht nur Krupp gehört, sondern auch seinen Namen trägt. Aber wer sich – vielleicht gerade deswegen – am vergangenen Freitag Sensationen versprochen hatte, kam zweifellos nicht auf seine Kosten. Die Flüsterpropaganda, die der ersten Krupp-Hauptversammlung einen turbulenten Verlauf vorhergesagt hatte, war einfach falsch; auch die Vorsichtsmaßnahmen der Verwaltung, keine Photographen zuzulassen, erwies sich als absolut überflüssig.