... und holt den Himmel auf die Erde

Von Nina Grunenberg

Die Stunde der Kirche war gekommen – so schien es wenigstens damals, in den ersten Jahren nach 1945. Nicht wenigen Deutschen galt sie als die einzige Institution, der man noch Vertrauen entgegenbringen konnte. Die protestantische Kirche zumal war stark genug gewesen, eigene Schuld anzuerkennen, öffentlich im Stuttgarter Schuldbekenntnis. Sie war nun auch bereit, in einem neuen Staat Verantwortung zu übernehmen, auch für die Politik, auch für die Wirtschaft und für die Kultur. „Und auf diesem Hintergrund muß man die Gründung des Sonntagsblattes sehen.“ So Dr. theol. Heinz Zahrnt, der Theologe in der „unabhängigen Wochenzeitung für Politik, Kultur, Wirtschaft“, die seit nunmehr achtzehn Jahren in Hamburg erscheint und heute eine Auflage von 140 000 Exemplaren hat.

Wer die Zeitung wirklich gegründet hat, wagt Heinz Zahrnt, der erst 1950 Redaktionsmitglied geworden ist, nicht zu beschwören. Ob es der Bischof Hanns Lilje war, der als Herausgeber firmiert, ob es der erste Chefredakteur des Blattes, der soeben gestorbene Hans Zehrer, war, ob es der noch heute tätige Geschäftsführer Wilhelm Plog war oder Axel Seeberg, der jetzige Chefredakteur – sicher ist, daß verschiedene Leute zur selben Zeit auf denselben Gedanken gekommen waren und sich fanden. Zum zehnjährigen Bestehen im Jahre 1958 konnte Bischof Hanns Lilje schreiben: „... Aber unser Sonntagsblatt ist nicht nur am Leben geblieben, sondern hat sich kräftig entwickelt.“

Mühsam blieb aber bis heute, das eigene Selbstverständnis – nämlich als liberales Blatt mit festen Bindungen innerhalb des Protestantismus’ – auch der breiten Öffentlichkeit unmißverständlich mitzuteilen. In Bonn wird die Meinung der Zeitung aufmerksam gehört, rubriziert als „Stimme des norddeutschen Protestantismus’“ – eine Marke, die nur zutreffend ist, wenn damit die gelegentliche politische Unterstützung jener Ministergruppe im Bonner Kabinett gemeint ist, die sich in die Linie der norddeutschen Protestanten gestellt hat, wie etwa Gerhard Schröder oder Gerhard Stoltenberg, und auch nur dann, wenn das Sonntagsblatt mit ihnen zufrieden ist. Denn es ist keine CDU-Zeitung. Das zeigt sich auch in den nicht seltenen Einladungen an führende Sozialdemokraten – Brandt, Wehner, Erler und Helmut Schmidt –, im Sonntagsblatt zu schreiben. Und dieser Brauch dokumentiert – nach Meinung der Redaktion – lediglich die Freiheit des Protestantismus’.

Ganz falsch verstanden fühlt sich das Sonntagsblatt aber dann, wenn es als Hauszeitung Hanns Liljes betrachtet wird, des Landesbischofs von Hannover, oder als anspruchsvolle Variation eines evangelischen Gemeindeblattes. Hier winkt Heinz Zahrnt energisch ab: „Wir sind nicht so etwas wie ein sogenanntes kirchliches Blatt, so ein ‚Osservatore Hannoverano‘. Wir fassen uns bis heute nicht auf als das Blatt irgendeiner Institution, sondern als ein eigenes Unternehmen. Schließlich stehen wir auch wirtschaftlich völlig auf eigenen Füßen. Wir leben unter demselben Wirtschaftsgesetz wie jede andere Zeitung.“

Dem Gesetz der Konkurrenz hatte sich das Sonntagsblatt – anders als die übliche kirchliche Presse – auch aus Gründen der Glaubwürdigkeit unterworfen. Wenn es nicht heißen sollte, daß eine Zeitung „mit christlich fundiertem Urteil“ nur mit Subventionen unter die Leute zu bringen sei, dann mußte sich die geistige Substanz des Protestantismus’ auch auf dem freien Markt durchsetzen und behaupten. Damit war das Sonntagsblatt auch der Sorge enthoben, potentielle kirchliche Geldgeber könnten ein Mitspracherecht geltend machen, etwa seufzend auf das Ressort Theologie verweisen: „O Freunde, ihr seid nicht rechtgläubig genug.“