Von Michael Jungblut

Unter Wohnungsbaupolitikern kann man sich nicht einmal über schwarz oder weiß einigen – und das ist eigentlich typisch für die ganze Diskussion. Die Meinungen und Interessen stehen sich hart und weitgehend unvereinbar gegenüber. Politiker, Mieter und Grundeigentümer können alle mit beachtenswerten Argumenten, aber auch mit deftigster Polemik aufwarten. Was aber wirklich am Wohnungsmarkt geschieht und wie er aussieht, das weiß eigentlich niemand.

Die vorhandenen Statistiken sind ungenau und mangelhaft. Eine umfassende Gebäude- und Wohnraumzählung bereitet das Statistische Bundesamt erst für das kommende Jahr vor und es ist nicht einmal gewiß, ob sie überhaupt durchgeführt wird. Wegen der hohen Kosten von 120 Millionen Mark stößt diese Aktion auf Bedenken bei den Finanzministern des Bundes und der Länder. Wegen der angespannten Haushaltslage halten sie alle den Daumen auf der Kasse.

Im Bundesgebiet gibt es gegenwärtig rund 18,1 Millionen Wohnungen. Das bedeutet, daß je tausend Einwohner 317 Wohnungen zur Verfügung stehen. Verglichen mit 1938 ist das ein gewaltiger Fortschritt. Damals mußte man sich mit 280 Wohnungen je tausend Bewohner zufriedengeben. Allerdings wird bei dieser Rechnung gern vergessen, daß Wohnung nicht gleich Wohnung ist. Ein- und Zweizimmerwohnungen spielen heute eine wesentlich größere Rolle als damals. Außerdem stehen die Wohnungen nicht immer da, wo sie gebraucht werden.

Fast die Hälfte des gegenwärtig verfügbaren Wohnraumes, nämlich 46 Prozent, wurden nach 1945 errichtet. Rund 27 Millionen Menschen wohnen also innerhalb des Bundesgebietes in Häusern, die noch nicht älter als zwanzig Jahre sind.

Von den vorhandenen rund 18 Millionen Wohnungen liegen etwa neuneinhalb Millionen in Altbauten, vier Millionen sind frei finanzierte Neubauwohnungen und viereinhalb Millionen wurden im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus mit staatlicher Hilfe errichtet. Durch zinslose oder sehr billige Kredite, verlorene Zuschüsse und Zinssubventionen wurden hier die Kosten so weit heruntermanipuliert, bis sich bei den älteren Sozialwohnungen eine Quadratmetermiete von 75 Pfennig bis einer Mark ergab. Sozialwohnungen, die erst in den letzten Jahren errichtet wurden, sind schon erheblich teurer. Bei rund 90 Prozent der 1965 geförderten Wohnungen lag der monatliche Mietpreis zwischen 1,90 und 2,70 Mark je Quadratmeter Wohnfläche. Für eine 70 Quadratmeter große Wohnung mußten durchschnittlich 165 Mark bezahlt werden. Gegenüber 1960 bedeutet das eine Steigerung um 52 Prozent. Trotzdem liegen die Mieten immer noch beträchtlich unter den im freifinanzierten Wohnungsbau üblichen Preisen von fünf bis sieben Mark je Quadratmeter.

Schon hier zeigt sich, daß von einem einheitlichen Wohnungsmarkt keine Rede sein kann. Während im politischen Bereich das Dreiklassen-Wahlrecht unwiderruflich in der Rumpelkammer der Demokratie verschwunden ist, wird auf dem Wohnungsmarkt immer noch ein Dreiklassenrecht praktiziert.